Mann und Frau im 'christlichen' Mittelalter
Wie konnte solches entstehen? Wie konnte in einem ausgesprochen religiösen Epos des christlichen Mittelalters (im Parzival geht es um den Erlösungsprozeß und wie dieser durch die Suche nach dem Gral, jenem Gefäß, in welchem einmal das Blut des Gekreuzigten aufgesammelt wurde, erreicht werden sollte) so viel weltliche Weiblichkeit mit allen Schwächen, Tücken und Hemmnissen solch hervorragenden Eminenzstatus erlangen, daß die Bedienung dieser Weiblichkeit neben dem Dienst an Gott zur höchsten ethischen Bedingung avancierte?
Die Antwort der Historiker auf unsere Frage ist nicht ganz ausreichend: Im Mittelalter lebten über mehrere Jahrhunderte hinweg etwa fünfzehn Prozent mehr Frauen als Männer in Europa. Durch innere Kriege, Seuchen, Kreuzzüge und das Zölibat wurden Männer rar. Dieses sozialökonomische Mißverhältnis erwirkte für die Frauen einen Einstieg in das wirtschaftliche Leben, in welchem sie sich bis in das siebzehnte Jahrhundert hinein erfolgreich hielten. In den Klosterschulen konnten sich adelige Mädchen bilden. Der Eintritt von Frauen in die Gewerbe hatte sich vollzogen; in nichtzünftigen Bereichen war sogar der Erfolg der Frauen stark. Manche traten auch in wissenschaftlichen Berufen hervor; besonders geschätzt wurden sie in der Heilkunde. Vor allem aber war aufgrund der fehlenden Männer auch die Kindererziehung mehr als sonst in Frauenhand.
Das alles kann uns aber allein nicht als Erklärung dienen. Schließlich wurden Frauen nicht aufgrund ihres Fleißes Objekte jener Verehrung im Mittelalter, nach deren Gründen wir hier fragen. Solcher Fleiß hätte lediglich den Eintritt der Frauen in die 'Männergesellschaft' gewährleistet, nicht aber ihre Sublimierung zur zweithöchsten ethischen Instanz neben Gott, und das innerhalb eines Kulturkreises, dessen religiöse Prämissen so androzentrisch formuliert waren, wie es in der jüdisch-christlichen Tradition nun einmal der Fall ist.
Oder war es im Mittelalter gar nicht mehr der Fall? Falls nicht, seit wann nicht? Gibt es Gründe, von einer - vor dem Mittelalter stattgefundenen - Mutation in den christlich-religiösen Entwicklungen zu sprechen, die das Weibliche verstärkt in die Richtung des Heiligen oder Transzendenten rückte?
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