DER MASKULIST
15.09.2002

D

er Nähe des Weiblichen zum Populären, Kollektiven oder Generellen verdankten antike Göttinnen ihr Privileg der Schirmherrschaft über Städte (und vermutlich auch die Grammatik vieler Sprachen ihre weiblichen Plural-Formen). Athene wurde für ihre Schutzmacht gebührend von den Einwohnern ihrer Stadt geehrt. Von einer überschwenglichen Würdigung der Frau jedoch kann in der Antike nicht die Rede sein. Denn nicht nur Xanthippe mußte gehen, bevor die Geister um Sokrates ihre Gedanken zum Symposium auspackten.

Weil das "Schöne" (Physis, Leib, Form) eine Trinität mit dem "Guten" (Psyche, Ethos, Tugend) und dem "Wahren" (Geist, Denken, Wahrheit) einging, koppelten die alten der Antike die Wollust vom ästhetischen Empfinden - ganz nach Schopenhauer - ab und richteten sogar das Schönheitsideal auf die Vollkommenheit des Maskulinen aus. In den Panathenäen, den Festlichkeiten zu Ehren Athenes, wurden zuerst die schönsten männlichen Greise und anschließend die schönsten Jünglinge der Stadt vorgeführt. Die Vorstellung, einer dieser Jünglinge würde den Wert seines Lebens an den Aussichten messen, eine junge Frau für sich zu gewinnen, wäre der antiken Welt ziemlich befremdend erschienen, wie Lessing einmal in einer Darlegung über "Die Leiden des jungen Werthers" kommentierte. Er, der Jüngling, ja er erst recht, wäre nämlich auch der "Schöne" und der "Gute". Ähnliche Tendenzen hinsichtlich der Empfindung des Schönen stellen wir in der Zeit der Renaissance fest: Mancher Kunstreisende, der Italiens Städte einmal aus diesem Blickwinkel bereist, und dort die öffentlichen Kunstwerke, Brunnen und Straßendenkmäler der Renaissance betrachtet, könnte sich darüber wundern, daß ihm dies nicht schon früher aufgefallen war. Und beide Epochen hinterließen Kunstwerke, deren ästhetische Kompetenz unübertroffen bleibt!

In der archaischen Zeit dagegen - wir denken an Homers Helena - finden wir zwar leise Anklänge einer Überhöhung der Weiblichkeit, nur ist sie deutlich reduziert, fad wie ein Überbleibsel aus noch vergangeneren Zeiten. Denn Troja wird eigentlich nicht wegen Helena erstürmt, sondern wegen der Ehre oder des Willens König Agamemnons. Auch ist Helena weder Mutter noch kann sie es mehr werden. Sie ist dazu schon zum Zeitpunkt ihrer Entführung zu alt. Könnte dieser Hinweis dazu dienen, matriarchale Assoziationen auszuschließen? Man bedenke dazu: Agamemnon opferte den Göttern, um ihre Zustimmung für sein Vorhaben zu erhalten, seine Tochter Iphigenie. Haben wir es hier mit einer Umkehrung von Jungenopferungen in den sog. Matriarchaten zu tun?

In der klassischen Mythologie finden wir zusätzliche Andeutungen in diese Richtung in den Biographien der Helden, die ihre Taten zumeist der Familiengöttin Hera widmeten. Richtig verstanden heißt es auch hier, daß die Helden, welche den in der Individuation fortgeschrittenen Menschen darstellten, ihre Tat dem Kollektiven einverleibten; daß der Menschentypus, den sie repräsentierten, künftig breiter auftreten sollte, sich in der Gesellschaft etablieren sollte. Doch genug der Exegese; wir ziehen weiter:

Das Gilgamesch-Epos in der noch vorhomerischen Vergangenheit (etwa um 2600 v. Chr.) ist nun reine Männersache! Der mythische König der Stadt Uruk (Babylonien), Gilgamesch, ist der Archetyp des männlichen Menschen, in dessen Bewußtsein das Todesphänomen eingetreten ist und zur Verarbeitung drängt. Die Abenteuer des aufbegehrenden Sterblichen, die bis in die Unterwelt führen, finden im Duett mit seinem Freund Enkidu statt. Die Aufwartungen der Göttin Inuin oder Ischtar (Astarte, Aphrodite, Venus), der Göttin des Geschlechtslebens schlechthin, werden mit hämischer Absage erwidert. Die Göttin rächt sich mit ihrem Himmlischen Stier, aber die beiden Männer besiegen ihn. In der Männerfreundschaft zwischen Gilgamesch und Enkidu erschöpfen sich in der Erzählung alle seelisch-ethischen Motive von Liebe, Treue und Fürsorge.

Unser kurzer Ausflug bis in die schwer begehbaren Vergangenheiten der literarischen Hinterlassenschaften männlich-geistigen Wirkens war natürlich recht salopp. Wir konnten aber einen Eindruck der Varianten gewinnen, in welchen sich die Aufeinander-Bezogenheit der Geschlechter in verschiedenen Zeitaltern vergegenwärtigte. Und wir konnten eines erkennen:

Die einfältige, lineare Vorstellung eines angeblich einstmaligen 'Matriarchats', das irgendwann vom 'Patriarchat' abgelöst wurde, um 'die Frauen in eine jahrtausendelange Unterdrückung' zu versetzen, beginnt sich hier aufzulösen. In mancher Hinsicht erscheint es sogar, als würde sich die Bedeutsamkeit und Ritualisierung des Weiblichen gerade im Laufe des 'Patriarchats' verdichten. Genauer gesehen, erscheinen uns diese beiden Termini weniger als Systeme, die einst einander ablösten, um vielleicht in Zukunft den Gegenschritt zu begehen, wie es mancher naiven Erwartung von heute frommt. Eher sind das konstituierende Faktoren, die als kollektive Stimmungen des jeweiligen Zeitgeistes ihre unterschiedlichen Impulse von Epoche zur Epoche alternierend durchsetzen. Wir könnten ihre Amplitude bis in die Bewegungen unserer besonders bewegten Zeit ziemlich genau verfolgen.

Schön, auch einmal 'Matriarchate schwanken' zu sehen!

Wenn wir unter diesem gewonnenen Aspekt die verschiedenen Epochen durchgehen, erkennen wir zudem deutliche Korrespondenzen untereinander. Korrespondenzen, damit sind Wiedergeburten, Reinkarnationen gleicher Prinzipien gemeint, die aber jedes Mal andere Bedingungen, ein in der Zwischenzeit zusätzlich Geschaffenes, steuern. Das Mittelalter korrespondiert so mit der Zeit um die Romantik, der Ritter reinkarniert im Kavalier, und die Begehrte steigt aus der Tribüne der siegerpreisenden verehrten Jungfrau in anderes Geschehnis ein, wo sie dem "jungen Werther" die Waffe aushändigt, mit welcher er seinen geradezu paranoid im Publikum gefeierten Liebestod herbeiführen wird. "Das ewig Weibliche" bringt uns jetzt "hinan" - eine Anmaßung, könnte man meinen, wäre dies nicht das Wort eines männlichen Dichters gewesen, eines Dichters jedoch, der 'wohl wußte für wen er schrieb'.

Und heißt "Renaissance" etwas anderes als "Wiedergeburt"? Ist hier nicht Korrespondenz mit jenem androzentrischen System gemeint, dessen hellenistische Schönheits- und Wahrheitsideale jetzt wieder auftraten? Dessen Fragen aus der Mitte maskuliner Träume entsprangen? Hatten nicht schon die Alten anhand von Schatten- und Zeitlängen Sonne und Erde im richtigen Verhältnis erkannt? War nicht alles schon gewesen, dann vergessen und verschüttet im tausendjährigen 'Matriarchat' der 'Patriarchen'? "Messe, was Du messen kannst", hieß es jetzt wieder, denn alles Maß ist Wahrheit! Ergattere sie, hole sie heraus; messe wieder Schatten, messe Lichter, Größen, Strecken, Zeiten. Schaffe Perspektive, Platz für die Wirklichkeit!

Mit "Christus" verkündet Michelangelo in Briefen und Gedichten sein Menschenbild. War jener etwa wieder erstanden? Dürer malte sich, und nannte es ein Christusbild! Erinnert doch an Paulus: "...doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir."1 Denn was ist Selbst und was ist Ich? Befreit vom Mutterschoß, erlöst vom Weibeskult. Renaissance, eine Identitätsfrage? Eine Tat des Selbst? Wohl! Beides sehr männlich, beides jenem Wagnis immanent, das wir Kulturgeschichte nennen.

Es ist hier nicht der Ort, detaillierte Betrachtungen des 'Matriarchats' zu entwerfen. Das müßte schon ein gesondertes Buch sein, ein sehr umfangreiches übrigens, ein in unserer Zeit recht dringendes sogar. Wir erlauben uns hier aber, dem Geist, der es einmal versuchen will, folgendes im voraus zu nehmen: Das am meist Irritierende in einer Debatte über die sog. matriarchalen bzw. patriarchalen Epochen der Menschheitsgeschichte ist, daß in beiden Fällen der Mann die exekutive Kraft bietet, und gerade unsere in feministischem Denken verödete Zeit liefert den Beleg dafür, daß es auch nicht anders sein kann. Erinnert sich der Leser? Wir haben es "Verantwortungsverschiebung" genannt, einen Gang der Weiblichkeit, dem der Mann nicht etwa anheim fällt, weil er zu unbedarft wäre, wie manche universitären Komiker behaupten, sondern weil er ihn bisher verstand und seine bedingte Legitimität mannhaft akzeptierte.

Unsere Frage lautet also: Ist dieses weibliche Verhalten, welches Sicherheit darin sucht, daß der Mann die Interessen der Frau übernimmt, ein Auferlegtes, das der Frau durch gesellschaftliche Verhältnisse erst aufgedrängt werden mußte, oder können wir ursprünglichere Gründe jenseits aller gesellschaftlichen Strukturen erkennen, die eine solche Übertragung aus natürlichen, d.h. anatomisch, biologisch und psychologisch nachvollziehbaren Bedingungen intendieren? Wir können es, und wir werden es tun. Wir werden etwas mehr tun. Nämlich diese Haltung, die wir eine Verschiebung der Verantwortung auf den Mann genannt haben, selbst im 'emanzipierten' Feminismus als seine bevorzugte Vorgehensweise ausmachen!

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Quellen, Anmerkungen:

1. Galater 2, 20