Davor und danach - kurze Ausflüge
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er Nähe des Weiblichen zum Populären, Kollektiven oder Generellen verdankten antike Göttinnen ihr Privileg der Schirmherrschaft über Städte (und vermutlich auch die Grammatik vieler Sprachen ihre weiblichen Plural-Formen). Athene wurde für ihre Schutzmacht gebührend von den Einwohnern ihrer Stadt geehrt. Von einer überschwenglichen Würdigung der Frau jedoch kann in der Antike nicht die Rede sein. Denn nicht nur Xanthippe mußte gehen, bevor die Geister um Sokrates ihre Gedanken zum Symposium auspackten.
Weil das "Schöne" (Physis, Leib, Form) eine Trinität mit dem "Guten" (Psyche, Ethos, Tugend) und dem "Wahren" (Geist, Denken, Wahrheit) einging, koppelten die alten der Antike die Wollust vom ästhetischen Empfinden - ganz nach Schopenhauer - ab und richteten sogar das Schönheitsideal auf die Vollkommenheit des Maskulinen aus. In den Panathenäen, den Festlichkeiten zu Ehren Athenes, wurden zuerst die schönsten männlichen Greise und anschließend die schönsten Jünglinge der Stadt vorgeführt. Die Vorstellung, einer dieser Jünglinge würde den Wert seines Lebens an den Aussichten messen, eine junge Frau für sich zu gewinnen, wäre der antiken Welt ziemlich befremdend erschienen, wie Lessing einmal in einer Darlegung über "Die Leiden des jungen Werthers" kommentierte. Er, der Jüngling, ja er erst recht, wäre nämlich auch der "Schöne" und der "Gute". Ähnliche Tendenzen hinsichtlich der Empfindung des Schönen stellen wir in der Zeit der Renaissance fest: Mancher Kunstreisende, der Italiens Städte einmal aus diesem Blickwinkel bereist, und dort die öffentlichen Kunstwerke, Brunnen und Straßendenkmäler der Renaissance betrachtet, könnte sich darüber wundern, daß ihm dies nicht schon früher aufgefallen war. Und beide Epochen hinterließen Kunstwerke, deren ästhetische Kompetenz unübertroffen bleibt!
In der archaischen Zeit dagegen - wir denken an Homers Helena - finden wir zwar leise Anklänge einer Überhöhung der Weiblichkeit, nur ist sie deutlich reduziert, fad wie ein Überbleibsel aus noch vergangeneren Zeiten. Denn Troja wird eigentlich nicht wegen Helena erstürmt, sondern wegen der Ehre oder des Willens König Agamemnons. Auch ist Helena weder Mutter noch kann sie es mehr werden. Sie ist dazu schon zum Zeitpunkt ihrer Entführung zu alt. Könnte dieser Hinweis dazu dienen, matriarchale Assoziationen auszuschließen? Man bedenke dazu: Agamemnon opferte den Göttern, um ihre Zustimmung für sein Vorhaben zu erhalten, seine Tochter Iphigenie. Haben wir es hier mit einer Umkehrung von Jungenopferungen in den sog. Matriarchaten zu tun?
In der klassischen Mythologie finden wir zusätzliche Andeutungen in diese Richtung in den Biographien der Helden, die ihre Taten zumeist der Familiengöttin Hera widmeten. Richtig verstanden heißt es auch hier, daß die Helden, welche den in der Individuation fortgeschrittenen Menschen darstellten, ihre Tat dem Kollektiven einverleibten; daß der Menschentypus, den sie repräsentierten, künftig breiter auftreten sollte, sich in der Gesellschaft etablieren sollte. Doch genug der Exegese; wir ziehen weiter:
Das Gilgamesch-Epos in der noch vorhomerischen Vergangenheit (etwa um 2600 v. Chr.) ist nun reine Männersache! Der mythische König der Stadt Uruk (Babylonien), Gilgamesch, ist der Archetyp des männlichen Menschen, in dessen Bewußtsein das Todesphänomen eingetreten ist und zur Verarbeitung drängt. Die Abenteuer des aufbegehrenden Sterblichen, die bis in die Unterwelt führen, finden im Duett mit seinem Freund Enkidu statt. Die Aufwartungen der Göttin Inuin oder Ischtar (Astarte, Aphrodite, Venus), der Göttin des Geschlechtslebens schlechthin, werden mit hämischer Absage erwidert. Die Göttin rächt sich mit ihrem Himmlischen Stier, aber die beiden Männer besiegen ihn. In der Männerfreundschaft zwischen Gilgamesch und Enkidu erschöpfen sich in der Erzählung alle seelisch-ethischen Motive von Liebe, Treue und Fürsorge.


