DER MASKULIST
15.09.2002

I

m fünften Jahrhundert wurde die bereits gar nicht so einheitliche Gemeinschaft der Christen um eine Symbolgestalt erweitert, deren Einzug in das Glaubensprogramm - vom grundlegenden Schrifttum des Christentums ausgehend - nicht vorauszusehen war. Im Konzil von Ephesos im Jahr 431 entschieden die Kirchenväter ("Patriarchen"!) für die Einführung einer (sehr) Großen Mutter in ihrem Glaubenssystem, indem sie Maria, jener Frau, die im mythischen Teil der Evangelien Jesus auf wundersame Weise zur Welt brachte, zur höchsten Heiligkeit neben Gott erhoben. Die ihr zu solcher Erhöhung gereichenden Attribute beruhten auf ihrem Status als "Gottesgebärerin" und auf dem Dogma der "Unbefleckten Empfängnis" und einer danach fortdauernden Jungfräulichkeit. Maria soll nach katholischem Glauben, frei von Erbsünde, nicht nur der Seele, sondern auch der Physis nach in den Himmel aufgestiegen sein, wo sie seither über alle anderen Heiligen thront. Tod wie Himmelfahrt der Jungfrau sollen nach der Legende in Ephesos stattgefunden haben, in der Stadt also, in welcher auch das Konzil stattfand, das sie zur "Gottesgebärerin" erhob. Warum dort?

Ephesos war während der hellenistisch-römischen Zeit eine glanzvolle Stadt mit allen Bauten, Anlagen und Einrichtungen, die eine solche ausmachten. Bekannt war aber die Stadt schon aus früheren Zeiten als Kultort der Muttergöttin Artemis (Diana), deren Heiligtum (Artemision) auf eine schon vor der Gründung der ersten Siedlung (etwa im zehnten Jahrhundert v. Chr.) vorhandene Kultstätte der kleinasiatischen Magna Mater (Großen Mutter) zurückgeht. Für Christen war Ephesos außerdem bekannt, weil dort eine der ersten Christengemeinden gegründet worden war. Daß Ephesos noch zur Zeit der anfänglichen Ausbreitung des Christentums dem Kult der Großen Mutter nachhing, wird aus der Darstellung der Erlebnisse des Paulus beim Missionieren der Stadt ersichtlich: "Groß ist die Diana der Epheser" riefen die Götzenschmiede, um die Stadtbewohner gegen die neue Lehre einzustimmen, die Paulus brachte, und die ihre Geschäfte mit den geschmiedeten Götzen Dianas gefährdete.1

Das Konzil von Ephesos erfand die Verehrung Marias nicht. Es kam vielmehr einer schon bestehenden Tendenz entgegen, die in Ephesos bereits im vierten Jahrhundert eine Marienkirche hervorgebracht hatte. Vermutlich war der Bau einer Marienkirche gerade in Ephesos ein Versuch, der heidnischen Artemis oder Diana ein christliches Analogon entgegenzusetzen. Es ist aber unerläßlich zu betonen, daß die Einführung des Marienkultes einer Mutation des Christentums gleich war, weil sie allen Intentionen zuwider lief, die aus dem 'kanonischen' Schrifttum der jungen Kirche zu entnehmen waren.

In diesem tritt Maria zwar im Empfängnis- und Geburtsszenarium auf, gerät aber schon vor dem Christuserlebnis ihres Sohnes (Taufe im Jordan und Niederkunft des Heiligen Geistes) ins Abseits. Sie ist bei der Hochzeit zu Kanaa, bei welcher Christus das Debüt seiner außergewöhnlichen Auftritte gab (Verwandlung von Wasser in Wein), mit dabei, wird aber bei dem Versuch einer Einmischung in das Konzept ihres Sohnes mit der Frage zurechtgewiesen: "Weib, was ist zwischen dir und mir?" (auch übersetzt: "Was geht's dich an, Frau, was ich tue?")2 Sie kommt auch bei den dramatischen Ereignissen der letzten Tage vor, wo sie in Zusammenhang mit anderen Frauen erwähnt wird, die irgendwie in die Wirksamkeit ihres Sohnes involviert waren. Nicht zu vergessen, daß in den Evangelien auch von weiteren Kindern Marias die Rede ist, was dem Dogma einer fortwährenden Unbeflecktheit widerspricht, da diese weiteren "Brüder Jesu" nicht als göttliche Inkarnationen gelten.

Die endgültige Infragestellung Marias aber als einer Trägergestalt der damals neuen Kirche ergibt sich sowohl aus dem inhaltlichen wie faktischen Androzentrismus in der Theologie und in der Lebensform der Begründer des Christentums. Der Entwurf der christlichen Trinität von "Vater", "Sohn" und "Heiligem Geist" widersetzt sich entschieden älteren Trinitätslehren, die das mütterliche Element mit einbezogen, und kann durchaus als ein beabsichtigtes Aussperren des Weiblichen aus dem Kult verstanden werden. Auch bestand die Urgemeinde aus zwölf Jüngern, allesamt männlichen Geschlechts. Vielsagend ist zudem die gering ausfallende Erwähnung der Person der Mutter Jesu in den grundlegenden Schriften des Christentums: In der Apostelgeschichte wird sie lediglich als Mitglied der christlichen Gemeinde gerade noch erwähnt; in den maßgebenden Texten der Episteln des Paulus, des Petrus und des Johannes taucht sie kein einziges Mal auf. Maria - wie alle Blutsverwandtschaft - wird in der neuen, ausschließlich auf Geistesverwandtschaft hin zielenden Lehre demonstrativ gemieden!

Es ist an dieser Stelle nicht notwendig, uns eingehend mit den Ursachen zu befassen, die in dieser frühen Phase der Christenheit den Kult Marias herbeiführten. Kurz gesagt waren es die Tendenzen, welche die Begründer des Christentums mit ihrem wohl dosierten Umgang gegenüber der Person Marias - und dem Weiblichen im allgemeinen - auszuschließen trachteten: Das Gravitieren ihrer Lehre in Richtung Verweltlichung und Physikalität. Die Höherbewertung Marias wurde theologisch durch die Anerkennung der Einheit des menschlichen und des göttlichen Wesens ihres Sohnes schon bei der Geburt begründet ("Gottesgebärerin"). Sicher aber war die Einführung des Marienkultes vor allem ein Ergebnis der inzwischen fortgeschrittenen Verweltlichung des Christentums. Sie kam vermutlich vom Volk, sonst gäbe es wahrscheinlich keine Marienkirche schon vor der Resolution des Klerus. Auch die Zeit paßte: Die Marienverehrung entstand parallel zu jenem Avancieren des Christentums zur Staatsreligion durch die Wirksamkeit des Kaisers Konstantin im vierten Jahrhundert. Der Marienkult als Analogon der alten Großen Mutter band die stets emotional ausgerichteten Massen an den "Glauben", indem er ihnen einen Einstieg bot, der nicht allein über die befremdlichen Erfahrungen spirituellen Grenzgängertums führte. Maria stand für die konkrete Physis, die jeder von uns berühren kann (Körper, Materie), die liebende, leidende Mutter, die in jedem Menschen Mitgefühl (Seele, Emotion) erzeugen, und so jedem Menschen nahe kommen kann, ohne von ihm spirituelle Anstrengung zu verlangen (Nicht-Geist).

Verflachung zwecks Verbreitung war stets das Schicksal der Ausbreitung von Ideen. Es ist eine tragische Ironie, daß just an der Stätte, an welcher einst der Kult der Großen Mutter exerziert wurde, gegen den der mutige Paulus antrat, spätere Kirchenführer, "Patriarchen" genannt - wie Erzbischöfe damals hießen - ihr Ma(t)riarchat begründeten!

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Quellen, Anmerkungen:

1. Apostelgeschichte 19, 23
2. Johannes 2, 4