"Ach neige/Du Schmerzenreiche..." oder "Groß ist die Diana der Epheser!"
Es ist an dieser Stelle nicht notwendig, uns eingehend mit den Ursachen zu befassen, die in dieser frühen Phase der Christenheit den Kult Marias herbeiführten. Kurz gesagt waren es die Tendenzen, welche die Begründer des Christentums mit ihrem wohl dosierten Umgang gegenüber der Person Marias - und dem Weiblichen im allgemeinen - auszuschließen trachteten: Das Gravitieren ihrer Lehre in Richtung Verweltlichung und Physikalität. Die Höherbewertung Marias wurde theologisch durch die Anerkennung der Einheit des menschlichen und des göttlichen Wesens ihres Sohnes schon bei der Geburt begründet ("Gottesgebärerin"). Sicher aber war die Einführung des Marienkultes vor allem ein Ergebnis der inzwischen fortgeschrittenen Verweltlichung des Christentums. Sie kam vermutlich vom Volk, sonst gäbe es wahrscheinlich keine Marienkirche schon vor der Resolution des Klerus. Auch die Zeit paßte: Die Marienverehrung entstand parallel zu jenem Avancieren des Christentums zur Staatsreligion durch die Wirksamkeit des Kaisers Konstantin im vierten Jahrhundert. Der Marienkult als Analogon der alten Großen Mutter band die stets emotional ausgerichteten Massen an den "Glauben", indem er ihnen einen Einstieg bot, der nicht allein über die befremdlichen Erfahrungen spirituellen Grenzgängertums führte. Maria stand für die konkrete Physis, die jeder von uns berühren kann (Körper, Materie), die liebende, leidende Mutter, die in jedem Menschen Mitgefühl (Seele, Emotion) erzeugen, und so jedem Menschen nahe kommen kann, ohne von ihm spirituelle Anstrengung zu verlangen (Nicht-Geist).
Verflachung zwecks Verbreitung war stets das Schicksal der Ausbreitung von Ideen. Es ist eine tragische Ironie, daß just an der Stätte, an welcher einst der Kult der Großen Mutter exerziert wurde, gegen den der mutige Paulus antrat, spätere Kirchenführer, "Patriarchen" genannt - wie Erzbischöfe damals hießen - ihr Ma(t)riarchat begründeten!
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