DER MASKULIST
03.11.2009

Grund der Nominierung

D

Volker Herres und die ARD erhielten die Lila Kröte Nr. 6, im November 2009

ie männerfeindlichen Tendenzen in Film und Fernsehen, die heute endlich - wenn auch noch nicht ergebnisreich - thematisiert werden, gehörten zu den ersten Erlebnissen, die den Autor dieser Seiten zu deren Herstellung veranlaßten. Ein Klassiker unter meinen Texten ist jene "Korrespondenz mit der ARD", die vor gut zehn Jahren geführt und später hier als einer der ersten Beiträge aufgenommen wurde. Dort konfrontierte ich die Programmmacher des Senders mit dem unverhohlenen Sexismus, mit welchem sie das Ansehen der Frau künstlich zu Lasten des maskulinen Ansehens regelrecht züchten.

Natürlich glaubte ich keinen Augenblick an die unmittelbare Wirkung meiner Einwände, da ich schnell erkennen mußte, daß die ARD-Zuschauerredaktion wie jemand reagierte, "der seinen Blick gen Himmel wendet und ein Lied zu pfeifen beginnt, um in einer prekären Situation seine Beteiligung zu leugnen." Dennoch entschloß ich mich damals "zu insistieren bis zur deutlichen Stellungnahme des Senders, oder bis zum unverblümten Abbruch des Gesprächs." Meine Chancenlosigkeit, den öffentlichrechtlichen Informationsmoloch zu bewegen, war mir klar.

Man kann daher die Genugtuung ermessen, die ich zehn Jahre später, im Frühjahr 2009, empfinden durfte, als der Protest von inzwischen aufgewachten Männern denselben Sender in ähnlicher Angelegenheit immerhin zum Rückzuck einer auf Männerbeleidigung hin abzielenden Vorankündigung bewog. Und dies mit der zusätzlichen Befriedigung, eine alberne frauenzentrierte Vorabend-Serie zu einem Flop werden zu sehen, der nach Ablauf der vorausgefertigten Folgen aus dem Programm genommen wurde.

Ereignisreich genug blieb das Ganze dennoch, um der ARD - und speziell ihrem amtierenden Chef Volker Herres – die Lila Kröte des Jahres 2009 zu sichern. Es wurde auch Zeit!

Weshalb und einiges mehr lesen Sie im folgenden Begleitschreiben zur Auszeichnung.


Das Begleitschreiben

Sehr geehrter Herr Herres,

vermutlich waren auch Sie zugegen, als im vergangenen Frühjahr der bekannte Medienwissenschaftler Norbert Bolz auf der UFA-Tagung zum Thema "Gesellschaftliche Werte: Die Verantwortung der Medienschaffenden" referierte. Jedenfalls war es wohl Ihr Kollege und Amtsvorgänger Günter Struve. Herr Struve sah sich offenbar sogar bemüßigt, den Vortrag von Prof. Bolz über Werte mit einer Ermahnung der Wichtigkeit auch der Sprache zu ergänzen - so las man in den Blättern. Originalton Struve: "Einige von Ihnen [gemeint waren die Verantwortlichen der Privatsender] haben ja vielleicht die Möglichkeit, in ihre nächste Sendung fünf Vokabeln mehr aufzunehmen."1

Das gab mir aus manchem Grund zu denken: Erstens, weil zur selben Zeit einige Männer im Lande (mich eingeschlossen) den Versuch unternahmen, Ihrem Sender, der öffentlichrechtlichen ARD, Vokabeln eigentlich abzugewöhnen (mehr dazu gleich). Ferner, weil ausgerechnet jener Herr Struve, der sich hier, vor einer einberufenen Öffentlichkeit, mühte, ethischen Notdiensten mit großem Tatütata nachzukommen, derselbe Herr war, der sich einst ziemlich schwer damit tat, in einer gewissen Korrespondenz, die von mir ausgegangen war, Fragen über Werte und Vokabeln des Ersten Deutschen Fernsehens zur Sprache kommen zu lassen.

An Herrn Struve richtete ich damals kritische Kommentare zu einer bestimmten Disziplin Ihres Senders, die darin besteht, eine Art Umverteilung der Würde zwischen den Geschlechtern zu pflegen, um dabei der Frau alle ethische Kompetenz, dem Mann alles Geringschätzige zufallen zu lassen. Daß dies ein politisches Programm ist, wurde spätestens im Oktober 2007 anderweitig artikuliert, als in das Parteiprogramm der Sozialdemokraten der Satz aufgenommen wurde: "Wer die menschliche Gesellschaft will, muß die männliche überwinden."

Das alles berechtigt zur Vermutung, daß Männerbashing einer linken Zielsetzung entspricht, die damit die Umstrukturierung unseres ethischen Bewußtseins anstrebt.

"Lauter tolle Frauen", "Frauen können' s besser", die zupackenden Kommissarinnen, die uns in Tatort-Inszenierungen reißend vorführen, wie wacker und kompetent doch die Frau jenseits der Wirklichkeit sein kann; die Sportkommentatorinnen, die mit burschikosen Stimmen die Fußballereignisse des Wochenendes der Männerwelt erklären oder direkt aus den Stadien betont ungestüm berichten; die Schweißerinnen, die ihre Firma retten und das irgendwie "besser", als es wohl Männer getan hätten; die mutigen Sekretärinnen zuletzt, die sich ihren "gierigen" Chefs mit dem "Macho-Gehabe" - Heldinnen gleich - widersetzen: Das alles spricht die deutliche Sprache einer Manipulation, die dem Zuschauer einhämmert, daß die Menschheit während ihrer ganzen Geschichte etwas Falsches unter Mann und Frau verstand, weswegen sie nun umerzogen werden muß.

Weshalb ich allerdings anfangs Äußerungen des genannten Wissenschaftlers auf der UFA-Tagung anführte, ist, weil Prof. Bolz dort eindringlich auf die Wirkung des Fernsehens hingewiesen hatte und darauf, daß selbst "Informationssendungen und die Werbung" dazu beitrügen, "in den Köpfen der Menschen einheitliche Wertevorstellungen zu verankern". Dies geschehe "etwa mit der ständigen Suche nach Schuldigen für Unglücke." Solcher "Sündenmechanismus" hielte einerseits Menschen zusammen, dadurch entstehe andererseits jedoch eine "negative Wertegemeinschaft, die sich abends vor der Tagesschau einig darüber ist, was richtig oder falsch ist".

Und wer gut oder böse, füge ich hinzu!

In der Tradition Ihres Senders nun, Herr Herres, sind diese Positionen längst ausgemacht. Losungswort hierfür dürfte sein: "Nur ein toter Mann ist ein guter Mann", der Titel eines der Filme aus der Sendereihe, die mich damals veranlaßte, jene bereits genannte Korrespondenz mit einigen Ihrer Kollegen und Kolleginnen, unter welchen auch Werteverfechter Struve, anzubahnen. (Die finden Sie übrigens auf meiner Homepage, und sie ist auch als Beitrag in meinem Buch "Medusa schenkt man keine Rosen" enthalten, das ich Ihnen hiermit sehr gern empfehle.)

Wie sehr die Intention des ARD-Programms diese Polarität des mißratenen Mannes und des hehren Weibes fördert, hatte einmal ein Kenner der Materie, ein renommierter Drehbuchautor im Interview mit der Zeitschrift DIE WELT angedeutet, als er die unwillkommene Einwirkung bestimmter Sender und besonders des "Ersten" auf die Arbeit der Autoren beklagte. Dabei machte er seinem Mißbehagen darüber Luft, daß die Autoren oft mit Vorgaben verdrossen würden, die ihrem Werk zuwider stünden. So solle etwa nach seiner Erfahrung "der Freitagabend im Ersten… so frauenaffin… sein", daß man der weiblichen Hauptfigur "fast übermenschliche Qualitäten andichten muß."2

Warum das, Herr Herres? Oder lassen Sie mich lieber diese Frage etwas explorieren: Welchem Auftrag geht Ihr Sender dabei nach, und wer hat ihn ihm erteilt? Welche Rechtfertigung kann eine öffentlichrechtliche Einrichtung in einer Zeit vorbringen, in der Pädagogen und Kriminologen das Fehlen positiver Männerbilder als ein besorgniserregendes Phänomen beklagen, hier noch Öl in das Feuer zu gießen, das diese Bilder zerstört? Wie verantworten Sie, daß sich junge Männer mitten im Sozialisationsprozeß in einer landesweiten Werbekampagne, welche nach Berichten die aufwendigste gewesen sein soll, die je vom Ersten Deutschen Fernsehen gestartet wurde, mit Betitelungen wie "herumirrende Gockel", "Versager", "lebende Verkehrshindernisse" und gar "Schweine" beschimpft hören müssen? Wären etwa solcher Art die "fünf Vokabeln", die Herr Struve den Privaten zu Erbauungszwecken anempfehlen wollte?

Und bringen Sie jetzt bitte nicht den trivialen Verweis, dies alles sei gewiß ironisch gemeint und "mit einem lächelnden Augenzwinkern" zu verstehen, wie ihn stereotyp Ihre Zuschauerredaktion immer anführt. Sie wissen so gut wie ich, daß eine "Gleichbehandlung" des anderen Geschlechts mit ebensolchen oder ähnlichen Bezeichnungen Sie den Posten als ARD-Chef gekostet hätte. Und das würde doch Ihnen mehr bedeuten als ein Augenzwinkern.

Was also fanden Sie daran lächerlich, daß im vergangenen April erzürnte Männer Protest gegen Ihre unfaßbare Werbeoffensive einlegten? "Mit so einer Reaktion", sagten Sie gegenüber SPIEGEL ONLINE, "hätten wir niemals gerechnet, das übertrifft jede Fiktion an Lächerlichkeit."3 Was heißt das? Wann bitte hätten Sie sonst mit "so einer" Reaktion der Männer gerechnet? Bei welcher Beleidigung, Herr Herres? Gibt es überhaupt eine, bei der Sie Männern genehmigen würden, mit Protest zu reagieren? Wie würde diese wohl lauten? Was müßte sich ein öffentlichrechtlicher Sender gegen eine Bevölkerungsgruppe in seinen Spots noch erlauben, bevor er einen Protest von der betroffenen Seite erwartet? Oder sind Männer eine besondere Gruppe? Sagen wir, weiße Männer? Denn, würden solche Statements Farbige betreffen, Sie hätten sicher Verständnis für den Protest.

Daß alle diese Fragen, wie Sie es wohl erkennen, rein rhetorisch sind, nimmt mir nicht den Wunsch, Sie würden sich mit diesen inhaltlich auseinandersetzen.

So hoffe ich, daß die Vergabe der Lila Kröte-2009 an Sie, Ihnen Anstoß dazu geben könnte. Die Lila Kröte ist eine jährliche Auszeichnung, die besonders akzentuierte Männerfeindlichkeit in Wort oder Tat oder aber ein Verhalten von Personen und Einrichtungen auszeichnet, welches Männer oder Jungen diskriminiert, ihr Ansehen angreift, ihre Rechte und Chancen in der Gesellschaft hintanstellt oder ihnen die Relevanz ihres Protestes gegen die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte abspricht.

Die Lila Kröte für das Jahr 2009 erhalten Sie anbei für sich und für Ihren Sender, die ARD.

Mit freundlichen Grüßen


Text der Urkunde:

Sehr geehrter Herr Herres,

seit Jahrzehnten nun verfüttert der öffentlichrechtliche Sender, dem Sie heute vorsitzen, Männerwürde an Frauen. Dies mag zum Teil ein opportunistischer Zug zur Sicherung der Gunst jener Bevölkerungsgruppe sein, welche die meiste Zeit für Fernsehkonsum aufbringt.

Sicher ist jedoch, daß vor allem ideologische Impulse feministischer Provenienz das Programm bestimmen, was sich zusätzlich darin zeigt, daß auch Information unterschlagen wird, wenn sie auf einen Handlungsbedarf hinweist, der nicht gerade der Förderung von Frauen oder Mädchen dienlich ist. Damit ist etwa die Berichterstattung zu den PISA-Ergebnissen gemeint, die das Erste Deutsche Fernsehen in seinen Meldungen trotz Hinweisen seitens aufmerksamer Zuschauer vermied, geschlechtsspezifisch klarzulegen.

Im aktuellen Jahrzehnt vermehrten sich die Proteststimmen gegen diese Positionierung des Senders erheblich, da sich erstmalig Männer dagegen formierten.

Bisher jedoch verhielt sich die ARD ignorant, und diese Ignoranz gipfelte im vergangenen Frühjahr in einem Kommentar, der unseren Protest dagegen, daß Männer in einer landesweiten Kampagne Ihrer Anstalten als "herumirrende Gockel", "Versager", "lebende Verkehrshindernisse" und auch "Schweine" betitelt wurden, eine Reaktion nannte, die "jede Fiktion an Lächerlichkeit" überträfe. Es war Ihr Kommentar.

Dabei waren die Lächerlichkeit und der Fehlschlag in Form einer banalen Serie über wieder einmal "mutige starke Frauen" (dem Beruf nach diesmal ganz alltägliche Schweißerinnen), ganz auf Ihrer Seite. Aus alledem haben Sie und Ihr Sender, die ARD, die Lila Kröte für das Jahr 2009 verdient, eine negative Auszeichnung für männerfeindliche Haltung - die sechste Ausgabe in Folge.

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Quellen, Anmerkungen:

1. "Wer oft Tatort guckt, wird ein guter Deutscher", BERLINER MORGENPOST, 2. Mai 2009
2. "Autoren werden zu Schreibknechten", DIE WELT, 2. März 2006
3. "Beschwerde beim Werberat wegen angeblich 'männerdiskriminierender' Radiospots für neue ARD-Serie", SPIEGEL ONLINE, 19. 04. 2009