DER MASKULIST
09.12.2002

"E

in Schlauch ist ein Schlauch ist ein Schlauch..." Dieser Satz, der Emphase in der infantilen Penetranz sich wiederholenden Beteuerns sucht, ist weitaus interessanter als ihn seine Eindringlichkeit ohnehin zunächst macht. Denn er will eine wissenschaftliche Erkenntnis sein! Der Leser ahnt es schon: Wir begeben uns in das Reich feministischer Wissenschaftlichkeit.

Wir müssen es leider tun. Diese Geschlechterstudie hat aus guten Gründen das Prinzip der Verantwortungsverschiebung zu ihrem Ausgangspunkt gemacht. Die zentrale Bedeutung dieses Prinzips mag manchem Leser erst allmählich klar werden. In dem Maß allerdings, wie begriffen wird, daß Frauen aus ersichtlichen Gründen und zu allen Zeiten nach diesem Prinzip empfanden und handelten, und daß Feminismus heute ebenfalls darauf baut, sogar daraus besteht, werden auch die Grundpfeiler der "geistlosesten Ideologie aller Zeiten" entkräftet und das Geheimnis ihrer verwunderlichen Wirksamkeit bloßgelegt: Die Verschiebung auch der Interessenverfolgung des Feminismus auf männliche Schulter, auf von Männern errichtete Institutionen.

Denn mit dem Verbleib der Verantwortung wird auch über den Verbleib der äußeren Macht entschieden und so auch über die Positionierung der Geschlechter innerhalb gesellschaftlicher Machtstrukturen. Die Position an der äußeren Macht mußte den Mann einerseits exponieren, andererseits aber auch mit den Kompetenzen versehen, mit welchen er seine Machtausübung zu organisieren hatte. Und sicher konnte solche Lastenaufteilung nur gelingen, indem auch er, der Mann, mit diesem Modus einvernehmlich war. Dieser Aspekt einer Beteiligung beider Geschlechter bei der Erstellung der Machtstrukturen in den Gemeinschaften mit dem Mann als äußerem Rand und der Frau (Familie) als innerem Kern wird in der gängigen Geschlechterdebatte mit dem Ziel unterdrückt, die Frau nicht als Miturheberin, sondern als Opfer dieses Verhältnisses darzustellen.

Allein die Dynamik, die solchem Opferverständnis entspringt, vermag die 'Schultern' des Mannes, seine Institutionen und Errungenschaften, neu zugunsten des Feminismus auszurichten. So etwa die Wissenschaft und insbesondere in der Geschlechterforschung (und damit meinen wir gewiß nicht jene 'Gender-Studies', die von den Berufsfrauen an den Universitäten der Welt erstellt werden und Frauenbibliotheken füllen, bis sie wohl einmal der Umwelt durch Recycling zugute kommen werden).

Was läge nun einer derart unterwanderten Forschung näher, als die zwingenden Faktoren zu verwischen, die den Geschlechtern Komplementarität anstatt Gegnerschaft bescheinigten? So werden heute vielfach einschlägige wissenschaftliche Ergebnisse auf dem Weg zu ihrer Veröffentlichung mittels populärwissenschaftlicher Blätter und Pressemeldungen von dem Heer der politisch motivierten Schreiberlinge verstümmelt, verfremdet, umgedeutet oder in falsche Zusammenhänge eingetaucht. Nicht zu vergessen die Horde männlicher wie weiblicher Wissenschaftler, die allenthalben aus den Erkern der Universitäten ihr PR-gieriges Antlitz gen Welt richten, um ihre 'neuen Forschungsergebnisse' - schon mundgerecht zerhackt - direkt in den Wahrheit verschlingenden Rachen des Ungeistes zu stecken.

Wir wollen uns daher als nächstes etwas mit dem Umfeld beschäftigen, in welchem heute feministisches Denken den Wissenschaftsbetrieb pervertiert, und mit der Lokalisierung dieses Umfelds innerhalb der einschlägigen Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte des eben vergangenen Jahrhunderts.

Der Satz vom "Schlauch" entstammt diesem Umfeld, und was kann da schon ein Schlauch anderes sein als etwas dem einzigen Thema des Feminismus auf intime Weise Dazugehöriges? Richtig: die Rede ist vom Zeugungsorgan des Mannes. Der Satz ist einer Anthologie von Zitaten entnommen, mit denen uns einst DER SPIEGEL eine Bewegung vorwiegend US-amerikanischer Wissenschaftlerinnen bekanntmachen wollte, der Ende der Neunziger beschieden war, das Geistesleben auf eine etwas neue Art zu attackieren. Um vorzugeben, daß sie etwas anderes als Feministinnen seien, nannten sich die US-Geistesfrauen diesmal "Femalistinnen". Mit rührender Aufrichtigkeit müht sich das Magazin, uns die "feine Unterscheidung" der beiden Wortstämme "feminin" und "female" zu definieren. Femalistinnen - anders als Feministinnen - streben nicht etwa an, "die Frau in der Gesellschaft zu befreien" (wovon denn auch?), sondern "das Wesen des Weiblichen zu erfassen". Es klingt nach edlem Selbsterkenntnisdrang!

Mit "wahrscheinlich" und "vielleicht" in engster Nachbarschaft versucht die Artikelautorin uns die vermeintlich wissenschaftlichen Thesen ihrer Geschlechtsgenossinnen zu vermitteln. Kein leichtes Unterfangen; der Vorsatz der Femalistinnen war universell: "Alles ist anders, als die Herren der Schöpfung immer glauben machen wollten." Und wem will es leicht gelingen, "den gesamten Wissensschatz der Menschheit" neu zu ordnen? Doch zum Glück braucht man dafür keine besondere Lizenz. Und schwupp!, tauchten auch die maßgebenden revolutionierenden Fragen auf:

Warum - bitte schön - sollen die Weibchen um einen Primaten mit einem Harem verglichen werden, wie es männliche Wissenschaftler bisher taten, und nicht das Männchen mit einem Gigolo, "der von den Weibchen geduldet, aktiv gewählt und benutzt wird"? Warum wurden die Säugetiere in Assoziation zur Funktion der weiblichen Brust benannt, anstatt sie anhand ihres Äußeren einfach "Felltiere" zu nennen? (Es genügt hier nur an Delphine, Wale oder ähnliches zu denken, um zu erkennen, daß der Ausdruck "Felltiere" falsch wäre.) Und wie kamen die Paläoanthropologen dazu, ein 1974 gefundenes Skelett als "eindeutig weiblich" zu klassifizieren und "Lucy" zu benennen, "allein weil es zierlich war", wo es doch "in Wahrheit vielleicht eher Adam als Eva glich"? Hatten diese Forscher denn noch nicht von der starken "Lilith" gehört, jener Vorgängerin Evas, die sich - jawohl! - geweigert hatte, mit Adam in der Missionarsstellung (Mann oben) den Zeugungsakt zu vollziehen?

Die Überzeugung, solche Fragen nicht wirklich beantworten zu müssen, bevor es mit der Forschung weiter gehen kann, erspart uns hier einige überflüssige Zeilen. Würden wir aber jene eine dieser Fragen etwas fokussieren, die Frage nämlich nach den Gründen, welche die männlichen Forscher veranlaßten, das entdeckte Skelett auf Grund seiner Größe (ausgenommen weiterer anatomischer Merkmale) als ein weibliches anzusehen, müßte sie lauten: "Wie kommen männliche Forscher dazu, ein größeres Skelett als ein männliches, ein kleineres aber als ein weibliches zu klassifizieren?" Daß dies den Forschern - selbst unter dem Vorbehalt sporadischer Fehleinschätzungen - von der Wirklichkeit geboten wird, scheint den femalistischen Wissenschaftlerinnen kaum in den Sinn zu kommen! Aber auch der SPIEGEL quasselte im Zusammenhang vom "Vorurteil vom niedlichen Weiblein" daher.1

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Quellen, Anmerkungen:

1. DER SPIEGEL, Nr. 30, 24. 07. 2000, "Das wahre Geschlecht"