DER MASKULIST
09.12.2002

W

as wollten diese Frauen? Oder fragen wir lieber: Wo kommen sie her; aus welcher Phase feministischer Entwicklungen heraus erschließt sich ihr Auftritt? Wir wissen, daß feministisches Vorgehen stets drei Phasen zu durchlaufen pflegt: Zuerst die angebliche Gleichbehandlungsphase. Diese ist rein taktisch. Sie dient dazu, eine Legitimationsplattform zu schaffen, auf welcher der Feminismus seine Instrumentarien auspacken kann, um mit seinem gesellschaftlichen Herumdoktern loszulegen. Diese Pionierarbeit besteht darin, Unterschiede zu leugnen oder zu nivellieren. Historisch gesehen befinden wir uns in den siebziger Jahren.

Im zweiten Aufzug, in den Achtzigern, war nun alle 'Gleichbehandlung' fast schon 'Schnee von Gestern', und die Funktionärinnen weihten bereits ihre Lehrlinge und sich selbst in die 'geschlechterspezifische' Behandlung ein. Schon zu Beginn jener Zeit flossen die ersten 'Nur-für-Frauen-und-Mädchen'-Gelder aus den Etats. Parallel waren in der Gesetzgebung die Rechte für Scheidung und Unterhalt so weit zugunsten der "unterhaltsberechtigten Ehepartner" angepaßt, daß sie die Familientradition bereits angriffen.

Lapidar zusammengefaßt sind in den Siebzigern Mann und Frau 'eigentlich gleich', in den Achtzigern eben nicht gleich, denn - so kam es uns endgültig in den Neunzigern zu Ohren - "Frauen sind einfach besser". So einfach ging das! Noch niemals hatte eine Weltanschauung die Menschheit so plump und ungekonnt hinters Licht geführt wie die feministische, und der Moment, an dem wir ernsthaft über die Gründe ihres nicht leicht zu erklärenden Erfolges zu reflektieren begännen, wäre tiefes Aufatmen im Kulturleben.

Nach der gründlichen Behandlung des öffentlichen Bewußtseins durch jene zwei Phasen der siebziger und achtziger Jahre konnten anschließend in den Neunzigern die Absichten einer Besserstellung der Frau unverblümt vortreten. Politische Korrektheit als Regelwerk im öffentlichen Verhalten und Gender-Mainstreaming als politisch-intentionaler Leitfaden formten die Geschlechterbehandlung in dieser Hinsicht.

Schnell wußten wir, daß Politische Korrektheit Korrektheit nur gegenüber der Weiblichkeit bedeutete. Denn mit ihrem Einzug erlebten wir auch den Höhepunkt der Verächtlichmachung, der Diffamierung und der Entwürdigung des Maskulinen und die öffentlichen Meinungsquellen als Bastionen einer wahnhaften Impertinenz dümmlichen, halbgebildeten, infantil-arroganten Männerhasses in 'Erfolgsromanen', Sendungen, in der Werbung, in Artikeln quasiwissenschaftlicher und anderer Medien.

Mit Gender-Mainstreaming, jenem Leitfaden zur Durchsetzung der 'Gleichstellung' auf Biegen und Brechen in allen Gebieten des Staates und der Wirtschaft, werden wir uns in späteren Seiten genauer befassen. Wir werden feststellen, daß die Vorgabe, es handle sich dabei um eine "differenzierte Politik für Männer und Frauen" (Deutscher Städtetag, Beschluß vom Juni 2002) gar nicht verkehrt ist. Und eine Kostprobe solchen Differenzierens können wir als Appetizer zu unseren künftigen Erläuterungen jetzt schon anbieten. Der folgende Text ist Teil der Kommissionsmitteilung der Europäischen Komission zur "Einbindung der Chancengleichheit in sämtliche politische Konzepte und Maßnahmen der Gemeinschaft".

Dort heißt es (Kursives vom uns): "Die Maßnahmen zur Gleichstellung erfordern ein ehrgeiziges Konzept, das von der Anerkennung der weiblichen und der männlichen Identität sowie der Bereitschaft zu einer ausgewogenen Teilung der Verantwortung zwischen Frauen und Männern ausgehen muß." Also: Die "Gleichstellung" ist bei der "Teilung der Verantwortung" nicht etwa gleich, was auf Gleichverpflichtung münden würde, sondern "ausgewogen"! Maßstab für solche "ausgewogene Teilung" sind weibliche und männliche Identität. Und wie diese Identitäten beschaffen sind, dafür gibt es eben die ausgeklügelten Geschlechterstudien, die von der gleichen Gilde der gewieften Frauenfunktionärinnen erstellt werden, welche auch die Methode des Gender-Mainstreaming ersonnen und durchgesetzt haben. Damit beabsichtigen sie, ihr Frauenvolk vom weniger vorteilhaften Wüstenland bloßer Gleichstellung in die Milch und Honig spendenden Gefilde eines gelobten Landes-Amazonien zu führen, in welchem - ganz im Gender-Mainstreamingschen Sinn 'ausgewogen' - Männer all dies leisten, womit man Frauen jagen könnte (vom Städtebau bis zur Kloakenreinigung), Frauen aber dafür, durch die installierten Machtapparaturen des Gender-Mainstreaming, über all dies verfügen, was Männer leisten müssen!

Einen Absatz später erhalten wir Genaueres. In der kurzen Unterweisung darüber, wen die "Chancengleichheit" betrifft, heißt es: "nicht allein die Frauen, die Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihre Selbständigkeit, sondern auch die Männer und die Gesellschaft insgesamt..." Wohl gemerkt: In die "Gesellschaft", den berüchtigten Gegenpol des Individuums, in die unpersönliche Allgemeinheit, dahin werden die "Männer" in diesem Text abgeladen, unter ferner liefen also, unter "insgesamt". Allein bei "Frauen" wird Individuelles berücksichtigt, nämlich "die Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihre Selbständigkeit". Welche chancengleichheitverheißende Wortauswahl!1

Glaubt irgendein besonnener Mensch, insbesondere einer, der die bisherigen Seiten unserer Ausführungen gelesen hat, daß solche Texte zufällig so formuliert sind, ohne wohl erwogene Gestaltung der Inhalte, ohne gedanklichen Aufwand, ohne Absichten? Viel mehr sehen wir in ihnen die kaum diskretere Formulierung jener Auffassung von Geschlechtergleichstellung, die in den Grundsatzprogrammen gewisser Frauenparteien zu der deutlicheren Formulierung "Die Würde der Frau ist unantastbar" heranreifen zu dürfen glaubte.2

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Gender-Mainstreaming ist schließlich das ausdrückliche Hervorheben seiner absoluten, ganzheitlichen Kontrollfunktion. Dieser Anspruch begegnet uns in allen verfügbaren Texten als die eindringlichste Erläuterung! Es gilt, "ausdrücklich sämtliche allgemeinen politischen Konzepte und Maßnahmen einzuspannen... das rechtliche Instrumentarium, die Finanzmittel und die Analyse- und Moderationskapazitäten der Gemeinschaft zu mobilisieren, um auf allen Gebieten dem Bedürfnis nach Entwicklung ausgewogener Beziehungen zwischen Frauen und Männern Eingang zu verschaffen." Im Einführungstext des Bundesfrauenministeriums zum Gender-Mainstreaming wird die Omnipotenz des Verfahrens philosophisch begründet: "Da es keine geschlechterneutrale Wirklichkeit gibt." Als ginge es den Geschlechtertechnokratinnen jemals darum, die Wirklichkeit überhaupt zu konsultieren.

Die Urheberinnen der eben beschriebenen Positionen, die von den Gleichberechtigungsdebatten der Siebziger bis zur Durchsetzung des Gender-Mainstreaming den politischen Feminismus der drei letzten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts bestimmten und parallel dazu das gesellschaftliche und kulturelle Leben durch die moralische Kontrolle der Politischen Korrektheit entsprechend beackerten, unterließen es nicht, auch bei den Wissenschaften anzuklopfen. Der Einlaß ist ihnen durchaus gelungen.

______________________

Quellen, Anmerkungen:

1. Der Text erschien im Internet auf den Seiten der Europäischen Kommission unter "Beschäftigung, Soziales"
2. Grundsatzprogramm, Bündnis 90/Die Grünen, 2002, S. 141