Herkunft und Ziele
Einen Absatz später erhalten wir Genaueres. In der kurzen Unterweisung darüber, wen die "Chancengleichheit" betrifft, heißt es: "nicht allein die Frauen, die Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihre Selbständigkeit, sondern auch die Männer und die Gesellschaft insgesamt..." Wohl gemerkt: In die "Gesellschaft", den berüchtigten Gegenpol des Individuums, in die unpersönliche Allgemeinheit, dahin werden die "Männer" in diesem Text abgeladen, unter ferner liefen also, unter "insgesamt". Allein bei "Frauen" wird Individuelles berücksichtigt, nämlich "die Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihre Selbständigkeit". Welche chancengleichheitverheißende Wortauswahl!1
Glaubt irgendein besonnener Mensch, insbesondere einer, der die bisherigen Seiten unserer Ausführungen gelesen hat, daß solche Texte zufällig so formuliert sind, ohne wohl erwogene Gestaltung der Inhalte, ohne gedanklichen Aufwand, ohne Absichten? Viel mehr sehen wir in ihnen die kaum diskretere Formulierung jener Auffassung von Geschlechtergleichstellung, die in den Grundsatzprogrammen gewisser Frauenparteien zu der deutlicheren Formulierung "Die Würde der Frau ist unantastbar" heranreifen zu dürfen glaubte.2
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Gender-Mainstreaming ist schließlich das ausdrückliche Hervorheben seiner absoluten, ganzheitlichen Kontrollfunktion. Dieser Anspruch begegnet uns in allen verfügbaren Texten als die eindringlichste Erläuterung! Es gilt, "ausdrücklich sämtliche allgemeinen politischen Konzepte und Maßnahmen einzuspannen... das rechtliche Instrumentarium, die Finanzmittel und die Analyse- und Moderationskapazitäten der Gemeinschaft zu mobilisieren, um auf allen Gebieten dem Bedürfnis nach Entwicklung ausgewogener Beziehungen zwischen Frauen und Männern Eingang zu verschaffen." Im Einführungstext des Bundesfrauenministeriums zum Gender-Mainstreaming wird die Omnipotenz des Verfahrens philosophisch begründet: "Da es keine geschlechterneutrale Wirklichkeit gibt." Als ginge es den Geschlechtertechnokratinnen jemals darum, die Wirklichkeit überhaupt zu konsultieren.
Die Urheberinnen der eben beschriebenen Positionen, die von den Gleichberechtigungsdebatten der Siebziger bis zur Durchsetzung des Gender-Mainstreaming den politischen Feminismus der drei letzten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts bestimmten und parallel dazu das gesellschaftliche und kulturelle Leben durch die moralische Kontrolle der Politischen Korrektheit entsprechend beackerten, unterließen es nicht, auch bei den Wissenschaften anzuklopfen. Der Einlaß ist ihnen durchaus gelungen.
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