DER MASKULIST
01.01.2003

V

erantwortung, ein Schlüsselwort in der Feminismusgeschichte. Die Verantwortungsverschiebung auf den Mann wandelte sich mit dem Aufkommen des Staatsfeminismus um. Sie wurde fortan auf den Staat, die Behörden und rechtlichen Instanzen übertragen. Wie war's noch mal: "Damit die Forschung den Bedürfnissen der Frauen gerecht wird, muss eine Beteiligung der Frauen mit einem Anteil von mindestens 40% in allen Gremien auf sämtlichen Ebenen der Durchführung und Verwaltung der Forschungsprogramme angestrebt werden." Wie? Frauen müssen also nicht erst der Forschung gerecht werden, bevor sie 40% solcher Kapazitäten bilden? Nein, es könnte auch anders gehen:

Option eins (schwedisch): "Die [EU]Kommission begrüßte das Urteil des Europäischen Gerichtshofs in der Rechtssache C-407/98 (Abrahamsson und Anderson/Elisabeth Fogelqvist)", lesen wir auf den Seiten der Kommission. Worüber freut sich die Kommission so? Es begann mit der "Berufung einer ausreichend, aber weniger gut qualifizierten Frau auf den Lehrstuhl für Hydrosphärologie an der Universität Göteborg, die zum Nachteil des höher qualifizierten Mannes erfolgte." Der von der schwedischen Gleichstellungsvorschrift (SFS 1995:936) - nach welcher die Einstellung der unterrepräsentierten Frauen Vorrang vor der besseren Qualifikation männlicher Bewerber hat(!) - übergangene Mann, Herr Anderson, wandte sich offensichtlich an den EuGH, der zwar das schwedische Urteil als nicht im Einklang mit dem Gemeinschaftsrecht erklärte. Denn nach der EU-Richtlinie (so die Kommission) gilt: "Der automatische und absolute Vorrang für Bewerber des unterrepräsentierten Geschlechts, die eine ausreichende, aber niedrigere Qualifikation aufweisen, ist... ein Verstoß gegen das Prinzip der Gleichbehandlung."

Nicht so sah es die schwedische Vorschrift. Obwohl der "betraute Berufungsausschuß (im Jahr 1997) entschied, daß der Unterschied zwischen den Qualifikationen von Herrn Anderson und Frau Fogelqvist "erheblich war", fand es der betraute Berufungsausschuß "schwierig zu beurteilen, ob dieser Unterschied [der ja erheblich war] so groß war, daß der Vorzug einer weniger qualifizierten Person eine Verletzung des Prinzips der objektiven Beurteilung darstellen würde." Also "ernannte" der Dekan der Universität den erheblich geringer qualifizierten Bewerber, Frau Fogelqvist "und wies darauf hin, daß der Unterschied zwischen den Qualifikationen nicht so erheblich sei, daß die bevorzugende Maßnahme nicht mehr anwendbar wäre."

So unelegant wie der ganze schwedische Fall war, so diffus umschreiben aber auch die Worte der EU-Kommissarin Diamantopoulou den Gehalt des europäischen Urteils:"Das Urteil [gefällt am 6. Juni 2000] zieht die unterschiedlichen Lebensumstände von Frauen und Männern in Betracht, indem es anerkennt, daß unterschiedliche Qualifikationen als gleichwertig anerkannt werden können." Lebensumstände? Haben wir das richtig verstanden? Erheblich unterschiedliche Qualifikationen könnten u.U. auch platt gemacht und als "gleichwertig" ausgegeben werden, um - welchen auch immer - "unterschiedlichen Lebensumständen von Frauen und Männern" gerecht zu werden? Wäre vielleicht unter solchen Kriterien das schwedische Urteil die bessere Alternative?

"Frauen", fährt die Kommissarin etwas bedrohlich fort, "fürchten den Vergleich ihrer Qualifikationen mit denen der männlichen Bewerber nicht." Etwa deswegen, weil die nationalen und internationalen Einrichtungen der EU-Länder einmal per Dekret und bloß mit der Überzeugungskraft bemühten Gestammels eine "erheblich" höhere Qualifikation zugunsten der Frauen in einer rigorosen "positiven Aktion" ignorieren könnten?

Und der Gipfel: Die Kommissarin ist besorgt! Nicht aber um das Wesen der Justiz in Schweden (und später vielleicht in der EU). Auch nicht um den langsamen doch sicheren Verfall jener Systeme in Bildung und anderswo, denen per Gesetz die Qualifikation zugunsten geschlechtertechnokratischer Spezifika entzogen würde. "Worüber wir besorgt sind", fährt die Besorgniserregte fort, ist "die Benachteiligung von Frauen aufgrund der bestehenden Einstellungen, Verhaltensmuster und Strukturen in der Gesellschaft, die auf der Vorstellung einer althergebrachten Aufgabenverteilung beruhen, denen aber mit positiven Maßnahmen erfolgreich gegengesteuert werden kann."1

Eine kurze Klarstellung: Die "positiven Maßnahmen" der Kommissarin Diamantopoulou könnten auch zu skandalösen Eingriffen werden, die mit einem Schlag Qualität eliminieren, die Verdienste Europäischer Staatsbürger verwerfen, Motivation töten, den Fortschritt in den betroffenen Bereichen verhindern und den Rechtsstaat ideologisch korrumpieren!

Option zwei: "Die Fachhochschule Wiesbaden... hat sich... vorgenommen, in Zukunft mehr Professorinnen zu berufen, denn obgleich 41 Prozent ihrer Studierenden weiblichen Geschlechts sind, haben Frauen im professoralen Lehrpersonal immer noch Seltenheitswert (14 Prozent)".2

14 Prozent (genauer 14,5) kennen wir von woanders her: Arne Hoffmann überliefert uns Ergebnisse einer Befragung unter Psychologiestudenten der Universität Bielefeld im Jahr 1998 mit dem Ziel, die Gründe für den 'geringen' Anteil der Professorinnen (14,5 Prozent bei über 60 Prozent weiblicher Studenten) an der Universität zu ermitteln. Die Ergebnisse ließen es nicht zu, an Diskriminierung auch nur zu denken. Unter 3 Prozent der Frauen fanden Forschung überhaupt attraktiv und nur 20 Prozent der Studentinnen gaben vor, sich vorstellen zu können, nach ihrem Diplom an der Universität zu bleiben. Das wären statistisch etwa 13 Prozent der gesamten Studentenschaft, und das stimmte mit dem damaligen Istzustand von 14,5 Prozent weiblich besetzter Lehrstellen gut überein!3

Bei solchen Untersuchungen sind oft weitere bemerkenswerte Parallelen zu entdecken. 54 Prozent der befragten Frauen gaben nämlich als Grund ihrer Haltung gegen eine wissenschaftliche Laufbahn Furcht vor "abstrakten Themen" an. Frauen ziehen also 'konkretere Themen' vor? Welche denn? Nach neueren Erhebungen der Hanns-Seidel-Stiftung beträgt interessanterweise 54 Prozent auch der Anteil junger Frauen (16- bis 24jährig), die Kind und Beruf miteinander vereinen möchten. Welche Zufälle!

Das Dilemma zwischen Beruf und Kind bzw. Familie entsteht wohl früh, denn Untersuchungen des Jugendministeriums belegen, daß zwischen 12- bis 14jährigen und 16- bis 18jährigen Mädchen der Wunsch "viel Geld zu verdienen" von 47 auf 29 Prozent der Befragten sinkt.4 Im Lauf der weiteren Jahre und mit dem Schwinden der Fertilitätszeit drängt es offenbar eher mehr zu Entscheidungen gegen eine Karriere mit all den Zugeständnissen, die sie dem tätigen Individuum abverlangt. Daher auch die wesentlich höhere Zahl der Abbrüche eines fortgeschrittenen Studiums bei weiblichen Studenten.

All dies läßt erkennen, daß die als Benachteiligungsnachweise vorgegebenen Zahlen der Stellung entsprechen, die Frauen, indem sie ihre Wünsche und Neigungen berücksichtigen, in der Gesellschaft willentlich einnehmen. Frauen und Frauenfunktionärinnen wissen das. Beim Kritisieren des Buches "Das dämliche Geschlecht" der Autorin Bierach zeigte sich Frau Maria Funder, Professorin für Wirtschafts- und Arbeitssoziologie an der Universität Münster, zweideutig. Das Buch spricht den Frauen eigenes Verschulden für ihre Unterrepräsentierung in den 'höheren Etagen' der Wirtschaft zu. In einem Bericht des SPIEGEL ONLINE verteidigt Frau Funder die Frauen, nennt das Buch "so dämlich wie sein Titel" und beklagt 'Strukturen in den Unternehmen, die Frauen am Aufstieg hinderten'. Sodann aber leistet sich die Professorin im selben Interview einen Lapsus, denn sie bestreitet zugleich eine "Fixierung" ihrer Geschlechtsgenossinnen "auf eine Karriere im Management" und bezweifelt, daß "Frauen überhaupt diesen Pfad beschreiten und den ganzen Stress auf sich nehmen wollen"! Und zum Schluß: "Sind Frauen nicht schlauer, weil sie das gar nicht wollen?" Wie schlau aber ist eine Gesellschaft, die so viel Aufwand betreibt, damit Frauen das tun, was sie nicht wollen, und dafür sogar männliche Qualifikation in 'positiven Aktionen' einer Diskriminierung anheimfallen läßt? Soweit führte Frau Funder ihren Gedanken nicht aus.5

Mit besonderem Vergnügen aber, und nicht ohne einen Schuß berechtigt erfreuender Ironie, möchten wir jenes weitere Hindernis weiblicher Karriereplanung erwähnen, das auf diesen Seiten schon einmal dort angedeutet wurde, wo die Rede von einem "großen Stauen" war, "das weibliche Energie und Intelligenz wie ein Schwarzes Loch ansaugt und vertilgt".6 Gemeint ist der Feminismus selbst als Problem der Frauen! "Jene ganz spezifische Problematik, die Feminismus seinen Jüngerinnen dadurch auferlegt, daß er sich selbst zum herausragenden Projekt seiner eigenen Unternehmungen macht."7 Arne Hoffmann zu diesem Aspekt: "Besonders bedenklich stimmt im Zusammenhang mit Frauen im akademischen Bereich, dass diese Studentinnen sich auf Frauenthemen konzentrieren - und wenig anderes. Eine Zusammenstellung der renommierten Harvard-Universität in den USA ergab, dass sich beispielsweise von 185 durch Frauen eingereichten Doktorarbeiten im Fach Literaturwissenschaft sage und schreibe 160 mit einer ideologisch ausgerichteten Themenstellung beschäftigten. Diese Einseitigkeit wird erfreulicherweise nicht von reaktionären Männern beklagt, sondern von kritischen Feministinnen... Sie stellten auch fest, dass von den 160 männlichen Harvard-Studenten, die im Untersuchungszeitraum... Doktorarbeiten verfassten, nicht eine einzige die Geschlechterdebatte ins Visier nahm."

Gott ja, die Kosten! Da wären höchstens noch die Frauenkosten zu besprechen. Doch wer kann uns schon darüber etwas sagen? Die Kosten des Feminismus werden sicher erst bekannt, wenn es ihn nicht mehr gibt. Die Millionen, die das eine Mal 7,5 sind, um Frauen an Hochschulen zu fördern oder 6, damit Frauen ein bißchen Internationale Frauenuniversität üben dürfen, die flächendeckenden Büros, Programme, Veranstaltungen und Einrichtungen - alles sicher nur periphere Kostenstellen. Eine Gesamtsumme wird wohl künftiger Gegenstand der Geschichtsschreibung sein.

Doch zurück nach Wiesbaden. Nachdem im oben zitierten Artikel über die Fachhochschule der Stadt die frohe Botschaft, "in Zukunft mehr Professorinnen zu berufen", uns die Klage über die 'nur' 14 Prozent vorhandener Professorinnen ertragen half, lesen wir weiter: "Derlei gute Absichten und viele mehr hat das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit der Fachhochschule für eine 'Zielvereinbarung' ausgehandelt, die Ministerin Ruth Wagner (FDP) und Präsident Clemens Klöckner gestern besiegelt haben. Die besondere Frauenförderung 'versüßt' die Landesregierung mit 60.000 Euro pro Professorin. 'Wir probieren mal mit Geld, ob's dann etwas schneller geht', sagte Wagner; allerdings müßten die so geförderten Professorinnen selbstverständlich 'angemessenen Qualitätsgesichtspunkten' standhalten können müssen."

Es beruhigt natürlich enorm, daß die Professorinnen nicht einfach von der Straße geholt werden, sondern "angemessenen Qualitätsgesichtspunkten standhalten können müssen." Doch die Funktion von Schmiergeldern (um Tacheles zu reden) ist selten die einer reinen Qualitätssicherung. Die angewiesenen Universitäten werden es vermutlich oft nicht anders machen als in den schwedischen Urteilen, in welchen die "erheblich" höhere Qualifikation des männlichen Bewerbers zugunsten des weiblichen übergangen wurde. Dort hieß vielleicht der Zwang Richtlinie und Gender-Mainstreaming, hier kommen die dubiosen Frauenfördermaßnahmen Frau Wagners hinzu.

Bildung und Forschung wird mit solchen Automatismen selbstentfremdet, weil ihre Träger nach Gesichtspunkten eingesetzt werden, die nicht primär das Verhältnis der berufenen Person zum jeweiligen fachlichen Inhalt berücksichtigen, sondern die geschlechtertechnokratischen Vorgaben (un)verantwortlicher Funktionärinnen erfüllen sollen. Wir haben weiter oben erklärt, welchen Schaden den betroffenen Bereichen zuzufügen, derartige Maßnahmen in der Lage sind.

Doch es wird noch ironisch: "Zielvereinbarungen dieser Art" sollen "für alle zwölf hessischen Hochschulen bindend werden", sagt noch die hessische Ministerin, und Bindung macht bekanntlich unfrei. Um so mehr dann, wenn sie als Teil des Hochschulgesetzes vorgeschrieben wird. Doch "wie Ministerin Wagner... in Wiesbaden sagte, sind" diese Zielvereinbarungen "als Teil des... Hochschulgesetzes zu verstehen, das auf Eigenständigkeit und größere Entscheidungsfreiheit der Universitäten und Fachhochschulen setze."

Hat eben jemand: "Stoppt diese Weiber!" gesagt?

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Quellen, Anmerkungen:

1. Seiten der EU-Kommision, dort unter "Beschäftigung und Soziales"
2. FAZ vom 12. 11. 2002, "Ziel: Mehr Frauen auf Lehrstühle"
3. Arne Hoffmann, "Sind Frauen bessere Menschen?", S. 428
4. "Geschlechterdifferenzierte Jugendhilfeplanung und Gender Mainstreaming-Prozesse", KOHLHAMMER Verlag, 2002, S. 43
5. SPIEGEL ONLINE am 20. Juni 2002, "Bierach-Buch: So dämlich wie sein Titel?"
6. Hier unter "Begriffe", "Die Inflation im Denken und in der Sprache des Feministen"
7. Hier unter "Zeitgeschehen", "Chronik einer Miß-Bildung", "Slalomlauf der Damen..."
8. Arne Hoffmann, "Sind Frauen bessere Menschen?", S. 430