DER MASKULIST
01.01.2003

D

ie mißverständliche Formulierung im vorangegangenen Beitrag über die Anwendung der 200 Mio. Euro, die das Bildungsministerium zur Verfügung stellte, könnte auch eine Ausdrucksweise jener bekannten Vereinnahmungshaltung sein, mit der bewegte Frauen Ressourcen gern verteilen wollen.

Gemeint ist die Ungeniertheit feministischer Verteilmodalitäten, wie sie sich beispielsweise einmal in der FAZ, Ende 2002 zeigte: "Frauenbüros wollen mehr Geld", hieß der Artikel mitten in der Finanzmisere des Beginns der zweiten rotgrünen Legislaturperiode.1 Der Gründe erster: "Für die Chancengleichheit von Mädchen und Jungen in Erziehung, Bildung und Ausbildung", wird zu einer Zeit beteuert, in welcher allmählich auch dem desinteressierten Landesbewohner aufgegangen sein dürfte, daß spätestens seit den verheerenden PISA-Ergebnissen im Dezember 2001 eher eine Förderung der Jungen anstünde, denn - wie Pisa-Koordinatorin Petra Stanat gegenüber SPIEGEL-Online bestätigte, "es seien die Knaben, die Deutschland im Weltmaßstab so tief runterziehen, dass Politiker seit Monaten von einer neuen Bildungskatastrophe sprechen."2

Der zweite Grund: In Zusammenhang mit dem Gewaltschutzgesetz seien "die Aufgaben der Frauenschutzhäuser ausgeweitet, gleichzeitig" aber, seien "die Mittel gekürzt", beschwerte sich in dem Artikel Frau Barbara Akdeniz, Frauenbeauftragte der Stadt Darmstadt. Kurze Erklärung für den uninformierten Leser: Das Gewaltschutzgesetz trat Anfang 2002 mit dem Ziel in Kraft, Männer, die von ihren Partnerinnen oder Ehefrauen wegen Gewalt angezeigt wurden, unter Umgehung sogar des Rechtes auf Unschuldsvermutung(!) der gemeinsamen Wohnung zu verweisen. Der Verkaufsslogan der damaligen Justizministerin Däubler-Gmelin: "Der Schläger geht, die Geschlagene bleibt". Eines der Ziele des skandalösen Gesetzes war, Frauenhäuser als Fluchtstätten für mißhandelte oder angeblich mißhandelte Frauen unter Inkaufnahme einer teilweisen Entrechtung des Mannes überflüssig zu machen. Nun verlangen die Betreiberinnen solcher Häuser mehr Zuwendungen mit der Begründung, die Aufgaben hätten sich nach Einführung des Gesetzes ausgeweitet!

Wie lange mag es wohl noch bis zu jener Gesundung der öffentlichen Sprache dauern, welche das Gebot einer forschen Ablehnung solcher Forderungen salon- und politikfähig gemacht haben wird?

Was nun das Interesse der Feministinnen an den Wissenschaften betrifft, ist es weder in der Theorie noch in der Praxis ein wissenschaftliches, sondern ein feministisches. Es geht auch nicht darum, kompetenten Frauen Zugriff zu Wissenschaftsberufen zu ermöglichen. "Zu den fest etablierten, schätzungsweise mehreren tausend Frauenberufsberatungsstellen und Seminarangeboten weiblicher Berufsberatung kommen rund 1300 kommunale Frauengleichstellungsstellen hinzu (zum Teil mit mehrfacher Besetzung) sowie die vielen Frauenbeauftragten in Behörden und Ämtern", notiert Felix Stern schon Mitte der Neunziger.3 Was ein solcher Moloch nicht erreicht, das darf nicht mehr ein Ziel heißen.

Worum es vielmehr geht, ist in den folgenden Worten zum besten wiedergegeben: "Dabei geht es um Forschung von Frauen, Forschung für Frauen und Forschung über Frauen", ein Satz, der wiederholt in den Programmen auftaucht. Dieses Prinzip (das sich zum Glück nicht mehr auf den Seiten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt finden läßt) stellt nicht nur - durch die geradezu masturbatorische Selbstbezogenheit der erwähnten Klientel - jede Absicht einer für wissenschaftliche Arbeit unentbehrlichen Neutralität in Frage. Das macht auch höchst mißtrauisch, wenn man bedenkt, welche Ablehnung Technik, abstraktes Denken, und 'männliche' Logik als 'destruktive Instrumente des Patriarchats' sonst im feministischen Disput erfahren haben. Selbst in den einschlägigen Texten zur Durchsetzung erträumter Privilegien in Bereichen der Technik lassen es die Damen nicht ohne derartige Bemerkungen wie die etwas weiter oben auf sich beruhen, nach welcher die Neigung der Jungen zu "Zahlenreihen" und zum spielerischen Umgang mit dem Computer gegen die vermeintliche Nützlichkeits- und Ergebnisorientierung der Mädchen stehen soll.

Zu den Zahlenreihen der Damen hingegen steht offenbar die Zahl 40 irgendwie an prominenter Stelle. Nach den Resolutionen des Fünften EU-Rahmenprogramms im Bereich der Forschung, technologischen Entwicklung und Demonstration (FTE), das 1998 für fünf Jahre angelaufen war, sah die Kommission vor: "Damit die Forschung den Bedürfnissen der Frauen gerecht wird, muss eine Beteiligung der Frauen mit einem Anteil von mindestens 40% in allen Gremien auf sämtlichen Ebenen der Durchführung und Verwaltung der Forschungsprogramme angestrebt werden." 40% soll es auch bei der Vergabe von Stipendien geben! Ob die Viererzahl einer Inspiration nach dem legendären Unterfangen der Quadratur des Kreises entsprang, wissen wir nicht. Auf jeden Fall dürfen wir wohl diese Fixierung im Rahmen der Methoden verstehen, mit welchen 'Frauen der Technik neue Impulse geben' wollen?

Was verlangen diese Zahlen? Wie sind solche Forderungen zu bewerten? Vor allem: wie sehen sie in Zusammenhang mit dem Sachverhalt aus, daß im Bereich z.B. der IT-Systemelektronik noch im Jahr 2002, ein Jahr vor Ablauf des EU-Rahmenprogramms, erst 4 Prozent Frauen unterwegs waren? Was würde geschehen, wenn junge Frauen mit all den Projekten und Programmen, die gegenwärtig laufen, veranlaßt würden, tatsächlich eine Anzahl Anwärterinnen für die anvisierten Positionen zur Verfügung zu stellen, die dann - gemäß den verabschiedeten Resolutionen - Männern per Dekret vorgezogen werden müßten?

Ginge es nach Umweltminister Trittin und den Grünen, hätten wir dann Geschlechtergerechtigkeit erreicht. Was wir aber tatsächlich gemacht hätten, wäre: Das Desaster der Grundschulen auf die höheren Bildungs- und Forschungsebenen zu übertragen; dem durch die PISA-Studien erkannten Elend der Grundschulen zu Metastasen in die Gebiete von Wissenschaft und Forschung zu verhelfen! Zur Verdeutlichung wiederholen wir den weiter oben formulierten angeblichen Befund der Shellstudie, um ihn anschließend etwas umzuschreiben: "Für Mädchen steht vor allem die Nützlichkeit und das Ergebnis im Vordergrund. Jungen hingegen sehen den Computer dagegen oft selbst als Spielzeug und interessieren sich für Computersprachen und Zahlenreihen." Achtung, wir transformieren: "Mädchen wollen vor allem einen Computer lediglich benutzen. Jungen hingegen wollen den Computer darüber hinaus erkunden, ihn noch einmal selbst erfinden."

Im Spielen des Kindes und insbesondere im Spielen der Jungen begegnet uns der Kreativitätsprozeß höchst persönlich. Warum aber „insbesondere im Spielen der Jungen“? Der Grund hängt (unter anderem) mit der oft zitierten früheren Reife der Mädchen zusammen. Zumeist wird diese auf ihre biologischen Ausdrucksformen hin berücksichtigt, auf die frühere körperliche Stabilisierung etwa. Psychologisch bedeutet sie aber auch einen früheren Abschluß der Wirklichkeit, eine frühere Vervollständigung jener existentiellen Basis, auf welcher sich das Individuum fortan einrichtet, ohne sie mehr zu errichten; auf welcher es sich befindet, sie aber nicht mehr erfindet. Jungen finden zur etablierten Wirklichkeit viel später, denn sie haben viel länger die Not und das Vergnügen, sie spielerisch fortzuführen.

Man denke hier an die Intensität, mit welcher sich junge Männer technischen Apparaturen hingeben, während gleichaltrige Frauen mit 'diesen Dingen' nur so viel zu tun haben, wie es eben für "die Nützlichkeit und das Ergebnis" erforderlich ist - Musik hören oder Emails an Freundinnen schicken - ansonsten aber sich fast ausschließlich mit der äußeren Selbstgestaltung (Schminke, Kleider) und dem emotionalen Inneren (Gefühle, Beziehungspläne, Unterhaltung) beschäftigen.

Zudem ist das Interesse der Jungen und Männer an Technik eine mentales. Was Jungen daran fasziniert ist, daß in diesen Geräten konsequente Gedankenfolgen stecken. Diese letzteren interessieren junge Männer auch ohne die Stütze der technischen Apparaturen, in welchen sie enthalten sind. Dann sind es reine gedankliche Spekulationen. Es dauert nicht lange innerhalb einer Gesellschaft von jungen Männern, um von der Oberfläche des alltäglichen Gesprächs in jene Bereiche der Vision überzugehen, in welchen das Sinnieren über Elektrische Felder, Sonnengeburten, Schwarze Löcher oder die Modalitäten der Quantenwahrscheinlichkeit das Gespräch für viele Stunden beherrschen. Unzählige Foren im Internet, die an solchen Bedürfnissen ausgerichtet sind, fungieren als nahezu ausschließliche Männerforen.

Es sei noch nebenbei gesagt, daß in diesem Zusammenhang auch einer der Faktoren für die größere Gefahr erkannt werden sollte, der Jungen unterliegen, sich dem Drogenkonsum anzunähern. Es hat viel mit der Neugierde auf das eigene denkende Wesen zu tun, Neugierde auf die Räume des Bewußtseins selbst.

Männer führen dieses jungenhafte Element im Erwachsenenleben weiter, soweit die Anforderungen und Pflichten, die ihnen in den meisten Systemen auferlegt werden, seine Fortführung erlauben. (Wir wagen an dieser Stelle sogar zu behaupten, daß nahezu alle Krisen im Männerleben mit einem Ablassen von solcher Art Kindesgemüt im Manne zusammenhängen!) Vom "Kind im Manne" ist oft die Rede: "Das Kind im Manne, das Kind im Künstler, ...kann man nicht das großartig Kindliche, jenes Ewig-Knabenhafte auch wiederfinden in der jahrelangen Selbstkasteiung des mächtigen Künstlers durch philosophische Spekulation...?" sinniert Thomas Mann über ein berühmtes Dichter-Genie in "Versuch über Schiller" im Jahr 1955.

Mit "Männer brauchen das" warb ein Magazin für populäre Wissenschaft und Technik und nannte sich mutig noch im Jahr '98 ein "Männermagazin"! "Männer wollen immer alles besser wissen" hieß es verflachend im Text. "Kein Wunder also, daß P.M. mit 1,2 Millionen Lesern... eines der großen Männermagazine in Deutschland ist." Und wie zur Entschuldigung seiner politisch unkorrekten Behauptung zeigte sich das Werbeteam bemüßigt, ein abmilderndes Maß an Ironie in der Anzeige zu integrieren: "Ich liebe einen Klugscheißer", verkündet die im Bild erscheinende Blondine zugleich scherzend wie herabwürdigend. Das mußte wohl sein, damit sich Emanzen nicht beim Werberat gleich verabreden - oder hatten sie es damals getan?

Entschuldigen müssen sich aber viele: Entschuldigen muß sich die Lektorenjurie, die zuwenig weibliche Lyrik auszeichnet, der verdiente Kritiker, der in seinem Kanon zuwenig Autorinnen empfiehlt und renommierte Zeitungen, die zuwenig Sachbücher von Frauen durch Frauen rezensieren. Zum letzteren Thema scheute sich einmal die Frankfurter Rundschau nicht davor, einen Artikel sogar zu bringen, dessen sachliche Bezogenheit eher Grund gäbe, das zu unterlassen: In dem Artikel illustriert die Autorin (unter dem Kürzel sez) die Unterrepräsentierung der Frauen in diesem Bereich mit einer Frau "auf der Bahnhofstoilette, wo ein Mann im Anzug in das Handwaschbecken pinkelt" und die Dame daher nicht an das Waschbecken kommt.4 Peinlich sicher nicht für den pinkelnden Mann.

Beachten wir den Sachverstand, der sich hier seines Ausschlusses aus der Sachbuchliteratur beschwert: In jedem Bahnhof gibt es bekanntlich getrennte Herren- und Damentoiletten, und welcher Mann - außer ein Exhibitionist - würde ein Waschbecken (dazu noch in der Gefahr eines plötzlichen Damenerscheinens) einem Pissoir oder auch einem Klosett zu solchem Zweck vorziehen? Die Autorin bezichtigt des weiteren unerschrocken die prominentesten deutschsprachigen Zeitungsverlage, "nach Art der englischen Clubs in früheren Jahrhunderten" vorzugehen.

Warum fragt sich denn diese sich offensichtlich in eine Männertoilette verirrt habende Dame nicht eher, woran es liegt, daß Frauen nicht ihre eigenen Bahnhofstoiletten bauen? Warum ihre 'mutigen', 'besseren', 'starken', edlen und was alles Geschlechtsgenossinnen, die in der Printmedienwelt mit einem Übermaß an Frauentiteln absolut überrepräsentiert sind und die in ihren Veranstaltungen mit Stolz verkünden: "Wir kommen ohne Männer aus, in unserem Verlag arbeitet kein einziger Mann!" (so in der Medienfrauentagung 2002 die Vertreterin eines Wohnmagazins), kaum ein ernst zu nehmendes sachliches Medium herzustellen in der Lage sind, das sich der weiblichen "kühnen Kraft der Welterklärung" widmet? Weil das nach Einsatz und Verantwortung riecht und beides nur gut ist, wenn es von Männern getragen wird, frau aber nur leichtfertig daher meckern dürfen möchte und sich beschweren, daß Mann sie nicht umsonst mitnimmt?

_____________________

Quellen, Anmerkungen:

1. FAZ vom 19. 11. 2002, "Frauenbüros wollen mehr Geld"
2. SPIEGEL ONLINE am 7. 10. 2002, "Böse Buben, kranke Knaben"
3. Felix Stern, "Penthesileas Töchter – Was will der Feminismus", UNIVERSITAS Verlag
4. FR vom 12. 10. 2002, "Männer - Im Sachbuch unter sich"