Brief an die Ministerin für Entwicklungshilfe Wieczorek-Zeul
Der Hintergrund
B
ereits im Jahr 2002 fiel sie auf. Damals mußten wir uns bei der Besprechung der Broschüre des Entwicklungsministeriums zur Afghanistanhilfe fast fragen, ob die Trinkwasserversorgung in den erschütterten Nachkriegsregionen auch ein bißchen für die afghanischen Männer vorgesehen war (siehe hier unter "Essays", "Von der grundsätzlichen Inkompetenz des Feminismus...", "Frauen lassen siegen"). Seither blieb ihr Stil erhalten: Ob Kriege, Fluten oder Seuchen: Frau Heidemarie Wieczorek-Zeul, die Ministerin für Entwicklungshilfe, ließ in der Vergangenheit keine Gelegenheit aus, der Nation den eigenen biologischen Typus, die Frau, als die primäre Zielgruppe aller Hilfe weltweit zu erklären. Ach ja, und die "Kinder" natürlich, wenn nicht sogar nur die "Mädchen".
Nachdem nun die Ministerin, wie in ihren Kommentaren erkennbar, auch die jüngst stattgefundene 16. Weltaidskonferenz im gleichen Geist aufarbeitete, wäre es an der Zeit, schien es uns, Frau Wieczorek-Zeul einmal zu fragen, ob sie nachvollziehen kann, daß wir ihre altruistische Vorliebe auch Sexismus nennen könnten. Dazu der folgende Brief, postalisch wie elektronisch versendet.
Der Brief (21. 08. 2006)
Ihre Entwicklungshilfe in der AIDS-Bekämpfung
Sehr geehrte Frau Ministerin Wieczorek-Zeul!
Die Feststellung, daß Aids keine Angelegenheit ist, die Randgruppen betrifft, wie es vor einigen Jahren noch angenommen wurde, ist ausschlaggebend, um der Pandemie gemäß zu begegnen und das Spektrum aller Betroffenen zum eigenen Schutz zu bewegen. Die Verbreitung der Immunkrankheit auch im heterosexuellen Verkehr bewirkte mit der Zeit eine natürliche 'Quotierung' – möchte man sagen –, die den Erreger in einigen Regionen der Erde auf beide Geschlechter nahezu gleichmäßig verteilte. Und wenn ich mich recht erinnere, bestimmte dieser Sachverhalt bereits die Diskussion während der vorangegangenen XV. Weltaidskonferenz vor zwei Jahren in Bangkok.
Kurz nach Ihrer Rückkehr aus Toronto, wo Sie an der diesjährigen XVI. Konferenz teilnahmen, trugen auch Sie im Interview mit der Zeitung DIE WELT dieser Erkenntnis durch die folgende Aussage Rechnung: "Man braucht sich nur in Erinnerung zu rufen, dass jeden Tag weltweit 8000 Menschen an Aids sterben und dass immer mehr Frauen betroffen sind. Angesichts dieser Zahlen muss sich die internationale Gemeinschaft jeden Tag aufs Neue verpflichten zu handeln." (16. Aug. 2006).
So kunstvoll dieser Satz zwischen zwei Faktoren, zwischen Ausmaß der Infektionen und Geschlecht der infizierten Personen taktiert, sowenig gelingt ihm, die Absicht auszublenden, daß hier unsere Sorge um die hohe Anzahl von Toten mit der ihres Geschlechts verschmelzen soll, mit der Sorge, daß unter ihnen "immer mehr Frauen... sind."
Nun möchte ich der Letzte sein, der allein aufgrund einer unscharf geratenen Formulierung gleich den Vorwurf einer Diskriminierung der Männer anführen wollte, denn es wäre folgerichtig, Schwerpunkte zu verschieben, wo neue Erkenntnisse auf eine neue Gruppe von Betroffenen hinweisen, die bisher weniger im Mittelpunkt stand. (Obwohl dies für Deutschland nicht zutrifft, denn die Gleichverteilung des Virus unter den Geschlechtern ist hier keineswegs gegeben, wie Sie sicherlich wissen.) Wenn es da nicht diverse Äußerungen von Ihnen in der Vergangenheit gäbe, die, gleich wie die eben angeführte, aber ohne ähnliche Deutungsmöglichkeit eine Bevorzugung von Frauen bezweckten:


