DER MASKULIST
04.02.2012

Der Hintergrund

D

ie folgende Mail ging am 20. Jan. 2012, anläßlich einer vielsagenden Szene1 auf den Seiten des DUDEN-Verlags als offenes Schreiben an die Verlagsadresse. Erst später wurde die Korrespondenz in die Rubrik "Briefe" aufgenommen.


Das Schreiben

Sehr geehrter Herr Blümer,  sehr geehrtes Team...

Ihr Internetangebot 'Lernhilfen/Schule' wird als einziger Ihrer Links im 'Downloadshop' mit einer Personenphotographie eingeleitet. Diese illustriert das Vorhandensein von Wissenslücken bei Schülern humorig, zudem entschieden geschlechtsspezifisch.

Das Humorige besteht darin, daß in der Abbildung der bedürftige Schüler in besorgt-verstohlener, aber zugleich bemüht-unauffälliger Manier nach den Notizen seines Mitschülers zu seiner Rechten schielt und von diesen abschreibt.

Das Geschlechtsspezifische nun wieder ergibt sich zunächst aus dem Umstand, daß der kompetente Schüler, der etwas jovial schmunzelnd das Abschreiben gönnerhaft gestattet, das artige, fleißige und duldsame Mädchen im Rosakleidchen ist, der Abschreiber dagegen männlich.

Warum ich nun das Ganze darüber hinaus  "entschieden geschlechtsspezifisch" genannt habe, ist, weil da noch eine dritte Person vorkommt: ein "Hinterbänkler", ebenfalls männlich, der aus noch weiterer Ferne und mit der damit verbundenen zusätzlichen Mühewaltung, die sich positiv auf dem Konto der situativen Komik niederschlägt, dasselbe wie sein gleichgeschlechtlicher Klassenzimmergenosse unternimmt. Nicht daß die Jungs dabei ein menschlich unvorteilhaftes Bild von sich gäben. Eher doch vermittelten sie wohl manchem einen sympathischeren Eindruck als, im Vergleich, ihre allzu erwachsen wirkende, genießerisch kulante Kameradin.

Was dennoch das Dramaturgische betrifft, wäre die dritte Person im Hintergrund eigentlich gut dafür gewesen, den Verdacht einer geschlechtsspezifischen Zuweisung dadurch abzuschwächen, falls man es hätte wollen, daß sie - zum sich dann anratenden Ausgleich - ebenfalls eine weibliche Person wäre, eine Schülerin als zweiter "Abkloppdepp" der Szene. "Falls man es hätte wollen", wiederhole ich, um zu bekräftigen, daß man es offensichtlich nicht so gewollt hat! Man hat im Gegenteil die Botschaft, Mädchen seien gute Schüler, Jungen schlechte, nicht dick genug für den Betrachter auftragen können.

Nun ist davon auszugehen, daß allen Mitarbeitern Ihrer Einrichtung die historische Verbundenheit Ihres Hauses mit dem Bildungsauftrag dieses Landes geläufig ist. Das Zeichen DUDEN steht seit vielen Generationen als Synonym für richtige, auch wirklichkeitsgerechte Darstellung und Ausdrucksweise. Daraus könnte man schließen, daß der eklatante oder "entschieden geschlechtsspezifisch" illustrierte Unterschied in der Situation Ihrer Abbildung Ihrer Auffassung der gegenwärtigen Lage in deutschen Schulen entspricht.

Davon abgesehen, ob diese Auffassung nun stimmt, oder so nur Inhalt der beschränkten Kolportage einer gewissen Gesinnung ist: Auffällig und davon unabhängig bliebe die etwas rohe Konfrontation, die Sie in Ihrer Darstellung männlichen Schülern mit ihrem vermeintlichen Status zumuten, und die eher eine Ressentiment geladene Genugtuung zum Ausdruck zu bringen vermochte als sozial kompetentes Mitfühlen oder wohlwollendes Ermuntern.

Sehr gern würde ich mich getäuscht haben bei meiner - mir leider einzig möglichen - Interpretation. Doch was sagen Sie, geehrte Mitarbeiter Ihres Bibliographischen Instituts? Was bezweckt das gemeinte Bild auf Ihrer Seite wirklich?

Freundliche Grüße!

 


Antwort
(23. 1. 2012)

.......

herzlichen Dank für Ihre Mail und Ihren Hinweis.

Werbeanzeigen oder Bilder im werblichen Kontext spielen oft mit Klischees oder spitzen Sachverhalte zu, um sie plakativ auf den Punkt zu bringen. So ist es auch bei diesem Bild. Es geht nicht darum, damit eine Überzeugung zu transportieren. Es zeigt die Situation "Schule/Klassenarbeiten/Prüfungssituation".

Ihre intensive Auseinandersetzung damit zeigt am besten, dass dieses Bild das Potenzial hat, genauer betrachtet zu werden. Ich werde Ihre Hinweise gern an unsere Werbeagentur weitergeben.

Beste Grüße
Dr. Nicole Weiffen


Anmerkung

In der Zwischenzeit veränderte sich die Adresse des Bildes auf den Seiten des Verlags. Seither prangt es auch auf voller Seitenbreite. Ob dies zufällig stattfand, darüber kann man nur spekulieren.


Zweites Schreiben
(1. 2. 2012)

Sehr geehrte Frau Weiffen,

Ihre Antwort ist fürchterlich üblich. Fast wortgetreu lauteten die Ausflüchte, wann immer männerfeindliche Presseartikel oder Werbung beanstandet wurden: Man flüchtete in das Stilistische, um sich des Inhaltlichen zu verweigern. Doch genau letzteres sprach meine Frage an. Allgemeiner ausgedrückt lautete sie, warum immer nur Männer- bzw. Jungenfeindliches "plakativ auf den Punkt" gebracht wird. Daß eine mitten in der Gegenwart stehende Werbeagentur dieses Zeitgeistphänomen so willfährig bedient, ohne es als solches zu erkennen, ist absolut unglaubwürdig.

Der 'plakative Punkt' nun in Ihrem Bild hinterläßt die Botschaft, Mädchen seien die fleißigen, Buben die faulen Schüler. Was verstehen Sie Anderes unter "eine Überzeugung transportieren"? Wie macht man das sonst? Mit Ganzseitenanzeigen in der FAZ, worin in großen Lettern zu lesen ist, Mädchen seien gute Schüler und Jungen schlechte? Wo keine Überzeugung transportiert werden soll, sollte auch keine "plakativ auf den Punkt" gebracht werden.

Die Werbebranche, Frau Weiffen, gehört neben der Medienbranche, die nach wiederholten Erhebungen eine weit über die 70 Prozent reichende Homogenität an politischer und ideologischer Ausrichtung aufweist, zu den Transportunternehmen par Excellence des politisch angezeigten Zeitgeistes. Das können Sie darin erkennen, wie schnell die Werbung Männer in die Küche verdonnert hat, wo sie - fast ausnahmslos – die einschlägigen Gerätschaften bedienen oder das eben Zubereitete servieren. Doch so subtil sind diese Volkserziehungsversuche gar nicht, als daß sie auch Ihren Verlag derart vorführen sollten.

Sprachlos macht auch Ihr Unterfangen, meine Kritik mit der kessen Wendung ummünzen zu wollen, sie zeige "am besten, dass dieses Bild das Potenzial hat, genauer betrachtet zu werden". Schlecht beraten von Ihrer Werbebeauftragten? Das "Argument" erinnert an den Taugenichts-Künstler, der ein Werk öffentlich verschandelt und die Buhrufe dadurch für sich umwertet, daß er vorgibt, ohnehin die Provokation beabsichtigt zu haben. Glauben Sie nicht, daß je mehr ein "Bild das Potenzial hat, genauer betrachtet zu werden", um so mehr auch das Urteil aus dieser Betrachtung Gewicht erhalten sollte?

Betrachten Sie und Ihr Verlag nun das strittige Bild so lange Sie möchten, aber bitte als Botschaft und Inhalt, weil es das ist! Und falls Sie zu der Überzeugung kämen, die Zusammenarbeit mit Werbeagenturen zu überdenken, denen es nicht gelingt, sexistischer Verführung zu widerstehen, dann erwiesen Sie den Ernst, der Ihrem Hause seiner Tradition gemäß zustünde.

Mit freundlichen Grüßen

.......

_____________________

Quellen, Anmerkungen:

1. Faule Jungs und tüchtige Grazien. Erziehung à la DUDEN [Das Bild, um das es hier ging, hat der Verlag inzwischen ersetzt. - 29. 07. 2012]