DER MASKULIST
16.02.2009

Der Hintergrund

C

hristian Kortmann bekundete in der vergangenen Woche auf sueddeutsche.de Gefallen an männerfeindliche Werbung.1 Frauen hätten das Recht, ein Negativprofil des männlichen Wesens anzufertigen, etwa weil Männer "mitunter" den Aufstieg der Frauen bremsten. Außerdem ginge es Männern noch zu gut, um nicht etwas Geschmacklosigkeit und Häme hinnehmen zu wollen. Schließlich schade dies niemandem wirklich. Nun ja...

Was aber Christian Kortmann besser gelassen hätte, ist erstens: Kritik an der Herabwürdigung des Maskulinen in Werbung oder anderswo psychologistisch nach Art der Feministinnen ("Ich glaube, Sie haben ein Problem") zu diskreditieren und zweitens: Sein engagiertes Pamphlet für ein einseitiges Recht der Frauen auf Respektlosigkeit gegenüber Männern mit einem salbungsvollen Satz zu beenden, der so schließt, als hätte sich Kortmann in seinem kläglichen Artikel für Geschlechtergerechtigkeit und gegenseitigen Respekt bemüht.

Denn solche Heuchelei erzeugt bei manchen Lesern wenig Achtung und die Kortmanns in der Branche sollten öfters Gelegenheit bekommen, das zu erfahren, meinte ich uns schickte ihm die folgende E-Mail:


Das Schreiben

Sehr geehrter Herr Kortmann!

Ihr Versuch, die geschlechterpolitische Relevanz öffentlicher Formen des Männerhasses, wie sie etwa in der Werbung vorkommen, zu leugnen, beginnt mit der Herabsetzung der anders darüber Denkenden. Gleich die ersten zwei Absätze Ihres Essays werden verwendet, um dem Leser einzutrichtern, daß es sich bei der Kritik dieser medialen Anzeichen um das in Kastrationsangst begründete persönliche Problem einiger weniger handele. Als bewanderter Antifeminist kann ich natürlich solche Argumentationsmuster mühelos orten und muß sagen: Sie haben Ihre Lektionen gut gelernt – EMMA geht mit dem Instrument der Diffamierung kaum virtuoser um. Daß Sie nun die Banalität und die offensichtliche Unredlichkeit solcher "Argumentation" nicht anwidert, ist eine Frage des Anspruchs, den Sie an sich selbst als Journalist stellen und das bleibt Ihnen auch überlassen.

Was ich Ihnen aber hier nicht überlassen möchte, ist, die Analyse der sekundären Details eines soziokulturellen Sachverhaltes als die Analyse des Gesamtphänomens durchzumogeln. Sehen Sie: Wenn man Ihnen, nachdem Sie einen lebensgefährdenden Giftstoff eingenommen haben, diesen bis zu seinen nicht tödlichen Bestandteilen analysiert und Sie so beruhigen will, Sie aber wissen, daß dieser Stoff als Präparat weiterhin tödlich in Ihnen wirkt, dann erblicken Sie in Ihrem vermeintlichen Tröster entweder einen Zyniker oder einen Idioten.

Ähnlich stellen auch Sie in Ihrem Artikel lediglich die seichte Dramaturgie der umstrittenen Werbespots klar, präsentieren aber diesen Befund als die abschließende Analyse des gesamten Problems. Sie hoffen damit, die dramaturgische Unbedarftheit der einzelnen Spots an die Stelle der Bedeutung zu setzen, die das Gesamtphänomen der Abwertung des Maskulinen in der gegenwärtigen Kultur einzunehmen hätte. Daß dies eine sehr flache Sicht ist, brauche ich Ihnen sicher nicht zu sagen; wird doch diese Verflachung wohl bewußt vorgenommen, um Ihre Leser vom Nachdenken über gewisse Tendenzen und Wirkungen abzubringen.

Freilich ist bei solcher Absicht nichts anderes möglich, als sich gleich mit Widerspruch und Bigotterie anzufreunden. Bezeichnend hierzu Ihr letzter Satz. Obwohl sich der gesamte Artikel ausdrücklich auf die Feststellung bezieht, daß bei den umstrittenen Werbespots ausschließlich Männer und zum Teil in der perfidesten Weise moralisch entwertet werden, und obwohl sich Frauenversteher Kortmann lange Mühe macht, um uns just diese Einseitigkeit als korrekt unterzujubeln, rundet er seinen hinterhältig belehrenden Epilog mit einem Satz ab, der plötzlich so tut, als sei von alledem gar nichts gewesen: "So stellen Geschlechterwitze [also Witze über beide Geschlechter] eher ein Zeichen von Emanzipation als von Diskriminierung dar", werden wir ermuntert, und man neigt fast zu der besorgten Frage: Wie sollten sich denn jetzt die armen Frauen zu Ende emanzipieren, wenn ihnen die Werbung weiterhin hartnäckig jede Unterstützung verweigert, die ihnen durch eine deftige Lächerlichmachung ihres eigenen Geschlechts gewährt würde?

Und nach einem sinnigen Doppelpunkt, der uns auf nahenden Aufschluß einstimmen soll, vervollkommnet sich das Scheinheilige im Duktus unseres geschlechtergerechten Süddeutsche-Denkers: "Sie [also jene neutralen Geschlechterwitze, die beide Geschlechter verulken, die aber in Kortmanns Kontext gar nicht vorkommen] zeigen…, dass Männer und Frauen, die ihre Unterschiede respektieren, ohne Ressentiments übereinander lachen können". So einfach ist das! So will jetzt ein Artikel enden, der sich zu rechtfertigen abmühte, warum das männliche Geschlecht und nur dieses verdient, respektlos und mit abgrundtiefen Ressentiments behandelt zu werden, und dessen Autor seine Leserschaft um die Zusendung weiterer Witze über Männer bittet, um seiner Zeitung etwas vom beißenden Hauch gewisser Lesbenmagazine zu verleihen.

Sehr geehrter Herr Kortmann, Sie haben es offensichtlich nicht nötig, zu wissen wovon Sie schreiben. Ich las neulich in einer Online-Buchrezension, daß etwa drei Viertel der Reporter und Journalisten die Grünen wählen. Dies beeindruckt insofern, als es sich hierbei um jene sich so bemüht aufklärerisch gebärdende Zunft handelt, die uns mit ihren musterhaften Unterweisungen in Sachen Meinungsvielfalt und Pluralität die Ohren voll labert, während sie sich selbst hermetisch abschottet, um bestimmte Dogmen, Ideologien und Polit-Rituale gleichgeschaltet zu fördern und zu praktizieren, die es dadurch in unserer schnellebigen Zeit geschafft haben, auch nach 50 Jahren als neu und progressiv durchzugehen.

Haben auch Sie eben beim Wort "gleichgeschaltet" an Eva Herman gedacht? Die kluge Frau hatte einst denselben Ausdruck für denselben Sachverhalt gebraucht. Apropos: Haben Sie sich bei ihr entschuldigt? Sie sind doch jener Dr. phil. Christian Kortmann, der in seinem Tagebuch-Eintrag vom 11. Okt. 2007 im Portal dieGesellschafter.de den berüchtigten Rausschmiß der sympathischen Moderatorin aus der Sendung Ihres Miteiferers Johannes B. Kerner mit seinen ominösen Ahnungen rechtfertigt?2 "Jetzt ahnt man schaudernd", lesen wir dort über Herman, "mit wem man es wirklich zu tun hat." Das klingt ja fast wie am Rande eines Traumas! Ich hoffe, Sie haben sich seither etwas erholt? Doch sicher wissen Sie inzwischen, wenn auch dies von den ja gleichgeschalteten Meinungshütern entsprechend unterschlagen wurde, daß Eva Herman im vergangenen Januar vom Landgericht Köln Recht erhielt. Das Gericht befand, daß die Springer-Umformulierung von Hermans Äußerung unzulässig war, und daß Herman in der kritischen Pressekonferenz sich deutlich vom Nationalsozialismus distanziert hatte. Seien Sie also ein Mann, und entschuldigen Sie sich bei ihr!

Unabhängig jedoch davon möchte ich nun (auch im Hinblick auf andere Leser, denn diese E-Mail ist ein offener Brief) abschließend erwähnen, daß meine Internetseite unter www.maskulist.de, die Sie wohl kennen, sich erst im achten Jahr ihres Bestehens dem Phänomen Männerhaß in der Werbung explizit gewidmet hatte. Das entspricht dem Stellenwert, den ich dem beimesse, welcher wiederum der Erkenntnis folgt, daß die dort illustrierte Abwertung des Maskulinen das Prinzip nur widerspiegelt, das in anderen Bereichen wie etwa in der Bildung und dort gerade für die abstrakt-theoretischen Fachdisziplinen oder in der Politik (man denke an die Aufnahme des Vorsatzes einer Überwindung des Maskulinen im Parteiprogramm der SPD) markantere und folgenschwerere Wirkungen erzeugt.

Doch ob jemand, geehrter Herr Kortmann, willens und in der Lage ist, das gesellschaftliche Geschehnis umfassend zu begreifen, hängt auch davon ab, ob derjenige die Erscheinungsmuster desselben aktiv einzuordnen vermag. Denn die Gegenwart schmeißt uns allen nur Brocken hin, immer durchsetzt mit dem gerade waltenden Zeitgeist. Wer sie aufnimmt, kann entweder diese seinen Formen unterwerfen, sie also in seinem Bewußtsein nach den Prinzipien des eigenen Begreifens strukturieren, oder aber sich selbst unter Aufgabe des eigenen Formprinzips von ihnen verformen lassen. Das ist wohl warum wir gelegentlich der Versuchung unterliegen, jemanden, der sich rückgratlos dem Mainstream unterwirft, und sich gegen jene, die den Zeitgeist hinterfragen, mit Diffamierung und hohler Argumentation wendet, einen Sack zu nennen.

Mit freundlichen Grüßen

_____________________

Quellen, Anmerkungen:

1. "Die lebenden Herrenwitze", sueddeutsche.de, 12. 02. 2009
2. Tagebuch-Eintrag "Die Herman-Schlacht", dieGesellschafter.de, 11. 10. 2007