DER MASKULIST
15.06.2006

Der Hintergrund

D

er Brief an den Philosophen ist so formuliert, daß der Leser die Passagen, die den Hintergrund meiner Einwände bildeten, erkennt. Es sind dies Aussagen Herrn Sloterdijks in einem 'Spiegel'-Interview (Magazinausgabe 23/2006), das unter dem Titel "Ein Team von Hermaphroditen" auch online erschien.


Der Brief (13. 06. 2006)

Zu Ihrem Interview im 'Spiegel' unter dem Artikeltitel "WM-Gespräch – Ein Team von Hermaphroditen"

Sehr geehrter Prof. Dr. Sloterdijk,

einige Zitate aus o. g. Gespräch zu einer anthropologischen Positionierung oder Deutung des Fußballspielens anläßlich der Weltmeisterschaften 2006, wie es in der Online-Ausgabe des 'Spiegels' zu lesen war, erweckten bei mir den Eindruck, daß Sie als respektierter Intellektueller dieser denkwürdigen Zeit, als Autorität wie es heißt, vielleicht zu lang zu einsam gelassen wurden, einsam in bezug auf die denkerische Resonanz eines Gegenüber, das Ihre Ansichten aufnimmt, sie in seinem Bewußtsein abwägt und Ihnen im Dialog entgegnet. Und mir schien, als sei es ein Gebot auch der Mitmenschlichkeit, mich Ihnen dafür zur Verfügung zu stellen. In der Hoffnung zudem, daß Sie nichts dagegen haben, wenn diese meine Intervention als Einladung zum offenen Gespräch auf einer ebenfalls auf Geschlechter-"Archäologie" anstelligen Webseite erscheint. Fangen wir also an:

Sehr bald im genannten Interview befinden Sie: "Das Fußballspiel ist atavistisch, und es ist eine anthropologische Versuchsanordnung. Seit einigen tausend Jahren suchen die männlichen Menschen nach einer Antwort auf die Frage: Was macht man mit Jägern, die keiner mehr braucht?"

Diese Äußerung scheint mir die Folge einer aus dem Sinn geratenen Formulierung zu sein. Denn:

1. Es kann niemals eine Zeit gegeben haben, in der man Jäger nicht mehr brauchte, da man ja selbst Jäger war, solang man sich als Jäger brauchte. Jäger, lieber Herr Sloterdijk, waren also so lange solche, wie sie das Jagen brauchten, und nachdem sie es nicht mehr brauchten, fielen sie keineswegs einem Sozialamt zur Last sondern errichteten Hochkulturen, in denen sie der Natur nicht mehr Lebenspotential abjagen mußten, sondern sie, die Natur, nunmehr selbst in Höfen und Äckern (die übrigens mehr mit einem Fußballfeld gemeinsam haben als der undifferenzierte strubbelige Wald) manipulativ verwalteten.

2. Der Kulturbetrieb hat gerade nach der Zeit, da man sich als Jäger nicht mehr brauchte, so explosiv an Komplexität und Vielfalt gewonnen, daß es ungereimt wäre, man würde gerade jetzt ein Beschäftigungsvakuum konstatieren, das unerfüllten Raum für derart sinnlose Fragen ließe. Ich glaube nämlich nicht, daß sich die Menschheit als Kollektiv jemals gelangweilt hat, geehrter Herr Sloterdijk.

3. Die Suche nach einer Lösung auf die von Ihnen angenommene Menschheitsfrage hätte (verglichen mit wesentlich komplizierteren Errungenschaften) atypisch lang gedauert, wenn die Antwort das erst in der Neuzeit entdeckte Fußballspiel sein sollte.

4. Ein Surrogat für das Jagen als Sportdisziplin wäre nicht zuletzt deswegen obsolet, weil uns ja das Jagen selbst als Sport bis heute erhalten blieb, für welchen die Jäger, die man in anderen Bereichen (da haben Sie recht) wohl mehr braucht, erst die Zeit finden müßten.

Warum also sollten "männliche Menschen" das zielgerichtete Befördern eines Punktes innerhalb organisierten Raumes mit sportlicher Vehemenz auf sich nehmen? Die Antwort auf diese Frage liegt in meiner Auffassung des Fußballspiels enthalten. Ich hoffe, es stört Sie nicht, daß diese etwas philosophischer als Ihre ausfällt, obwohl (oder gerade weil?) ich kein Berufsphilosoph bin:

Das Fußballspiel ist meines Erachtens keineswegs atavistisch, im Gegenteil, es ist eine ganze Strecke transzendent, wenn es auch vielen, zu denen auch ich gehöre, so wenig individuell verwertbare Transzendenz vermittelt, daß sie einfach kein Fußball mögen. Transzendent ist Fußballspiel insofern, als es Ur-Erfahrungen des Menschen (insbesondere des männlichen), die früh seine Sinne für Raum, Bewegung, Orientierung, Absicht und Zielsetzung prägten, hier als Gruppenerlebnis aber abstrahiert, also losgelöst von der ursprünglichen Notgedrungenheit z.B. einer Nahrungssuche (Ananke) feiern läßt.

Weil "feiern" das richtige Wort ist, da, wie der oft von einer "Erlösung" redende Jargon der Fußballmenge verrät, Fußball für seine Fans eher eine liturgische als eine naturbedingte Funktion erfüllt, käme man am besten dabei weg, wenn man billig-freudianische Philosophismen der Art "Torschützenorgasmen" selbst dann sein ließe, wenn man für den 'Spiegel' spricht.

Ich weiß, es muß schwer sein, der Zwangsverkultivierung eines Gesprächs zu entkommen, die heute ein zwar der Inhalte müde, aber auf semasiologische Sensationen pochendes Bildungspublikum von demjenigen verlangt, der sich nun mal als Denker outen mußte oder wollte. Aber ich warne Sie: Die Spiegelung oder Übertragung andersartiger Prozesse auf die Sexualität ist so abgegriffen wie Opern-Inszenierungen mit Wehrmachtsuniformen.

Auch mit Ihrer "Hermaphroditisierung" ("Metrosexuell" - glaube ich - macht da als verbales Utensil zur Zeit die Runde) der männlichen Menschheit und gerade noch der Fußballmannschaften (?!) machen Sie es sich eher leicht. Daß Männer in Zeiten von Prosperität und lang anhaltendem Frieden sich den Belangen des Beschützers entheben und das eigene emotionale wie ästhetische Anliegen stärker wahrnehmen, hat mit "Hermaphroditisierung" nichts zu tun, sondern mit dem Manne bereits innewohnenden Alternativen, wie diese sich in Kunst oder Gestaltung jeglicher Art sonst auch äußern. Wenn aber Sie, Herr Sloterdijk, einen "evolutionären Trend" zu Ihrer Hermaphroditisierung "seit den sechziger Jahren zu beobachten" vorgeben, scheint Ihnen zu entgehen, daß Sie gerade von der Epoche des Bodybuilding-Kultes sprechen, einer einmaligen Überkultivierung männlicher Merkmale katexochen!

Ich möchte nicht voreilend über die Gründe spekulieren, die obige Unschärfen in Ihrer Analyse verursachten. In der Regel ist es so, daß öffentliche männliche Menschen, die Aussagen zu Themen treffen, in welchen (wie im Fußball) die Geschlechter polarisiert auftreten, sich häufig gedrängt sehen, dem ideologischen Begehren einer pazifistisch-feministischen Gesinnung Achtung zu erweisen, indem sie dem Weiblichen evolutionäre Vorzüge blindlings zuzuschreiben suchen; es sind schon die peinlichsten Widersprüche unterwegs, wie Sie auf meiner Homepage feststellen könnten.

In dieser Hinsicht hielte sich Ihr Einsatz zwar in Grenzen, wenn Sie Frauen aufgrund ihrer Sammlerinnen/Konsumentinnen-Mentalität eine größere Kompatibilität zum Kapitalismus attestieren und meinen, daß man sie lediglich deswegen - und anders als die alten Jäger - "heute mehr denn je" brauchen würde. Wenn auch der geringe Kreativitätsgehalt des Konsums denjenigen kaum beglücken sollte, der im Konsumieren die am meist gefragte kulturevolutionäre Eigenschaft unserer Tage erkannt haben möchte.

Eine vom Geist völlig unbewohnte Insel bildet dagegen jener merkwürdige Satz über die düsterste geschlechtsspezifische Eschatologie, die mir jemals über den Weg lief: "Je höher die Religion, desto stärker war der Versuch, den inneren Jäger davon zu überzeugen, dass es im Grunde eine Schande ist, ein Mann zu sein, und dass Männer als Männer niemals des Heils teilhaftig werden." Wow! Sie machen wirklich neugierig, Herr Professor. Sagen Sie bitte, wo haben Sie das her? Falls nämlich auch Sie unter höheren Religionen die patriarchischen Monotheismen des Morgen- und Abendlandes oder die mehr auf Bewußtseinseinsatz hinzielenden atheistischen Yoga-Disziplinen des Ostens verstehen (mehr Möglichkeiten fielen mir hier kaum ein), wäre es schon enzyklopädisch interessant, von Ihnen zu hören, worauf Sie solche Aussage begründen.

In wißbegieriger Erwartung Ihrer Antwort grüße ich Sie freundlich.

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