Brief an den Philosophen Peter Sloterdijk
Der Hintergrund
D
er Brief an den Philosophen ist so formuliert, daß der Leser die Passagen, die den Hintergrund meiner Einwände bildeten, erkennt. Es sind dies Aussagen Herrn Sloterdijks in einem 'Spiegel'-Interview (Magazinausgabe 23/2006), das unter dem Titel "Ein Team von Hermaphroditen" auch online erschien.
Der Brief (13. 06. 2006)
Zu Ihrem Interview im 'Spiegel' unter dem Artikeltitel "WM-Gespräch – Ein Team von Hermaphroditen"
Sehr geehrter Prof. Dr. Sloterdijk,
einige Zitate aus o. g. Gespräch zu einer anthropologischen Positionierung oder Deutung des Fußballspielens anläßlich der Weltmeisterschaften 2006, wie es in der Online-Ausgabe des 'Spiegels' zu lesen war, erweckten bei mir den Eindruck, daß Sie als respektierter Intellektueller dieser denkwürdigen Zeit, als Autorität wie es heißt, vielleicht zu lang zu einsam gelassen wurden, einsam in bezug auf die denkerische Resonanz eines Gegenüber, das Ihre Ansichten aufnimmt, sie in seinem Bewußtsein abwägt und Ihnen im Dialog entgegnet. Und mir schien, als sei es ein Gebot auch der Mitmenschlichkeit, mich Ihnen dafür zur Verfügung zu stellen. In der Hoffnung zudem, daß Sie nichts dagegen haben, wenn diese meine Intervention als Einladung zum offenen Gespräch auf einer ebenfalls auf Geschlechter-"Archäologie" anstelligen Webseite erscheint. Fangen wir also an:
Sehr bald im genannten Interview befinden Sie: "Das Fußballspiel ist atavistisch, und es ist eine anthropologische Versuchsanordnung. Seit einigen tausend Jahren suchen die männlichen Menschen nach einer Antwort auf die Frage: Was macht man mit Jägern, die keiner mehr braucht?"
Diese Äußerung scheint mir die Folge einer aus dem Sinn geratenen Formulierung zu sein. Denn:
1. Es kann niemals eine Zeit gegeben haben, in der man Jäger nicht mehr brauchte, da man ja selbst Jäger war, solang man sich als Jäger brauchte. Jäger, lieber Herr Sloterdijk, waren also so lange solche, wie sie das Jagen brauchten, und nachdem sie es nicht mehr brauchten, fielen sie keineswegs einem Sozialamt zur Last sondern errichteten Hochkulturen, in denen sie der Natur nicht mehr Lebenspotential abjagen mußten, sondern sie, die Natur, nunmehr selbst in Höfen und Äckern (die übrigens mehr mit einem Fußballfeld gemeinsam haben als der undifferenzierte strubbelige Wald) manipulativ verwalteten.
2. Der Kulturbetrieb hat gerade nach der Zeit, da man sich als Jäger nicht mehr brauchte, so explosiv an Komplexität und Vielfalt gewonnen, daß es ungereimt wäre, man würde gerade jetzt ein Beschäftigungsvakuum konstatieren, das unerfüllten Raum für derart sinnlose Fragen ließe. Ich glaube nämlich nicht, daß sich die Menschheit als Kollektiv jemals gelangweilt hat, geehrter Herr Sloterdijk.
3. Die Suche nach einer Lösung auf die von Ihnen angenommene Menschheitsfrage hätte (verglichen mit wesentlich komplizierteren Errungenschaften) atypisch lang gedauert, wenn die Antwort das erst in der Neuzeit entdeckte Fußballspiel sein sollte.
4. Ein Surrogat für das Jagen als Sportdisziplin wäre nicht zuletzt deswegen obsolet, weil uns ja das Jagen selbst als Sport bis heute erhalten blieb, für welchen die Jäger, die man in anderen Bereichen (da haben Sie recht) wohl mehr braucht, erst die Zeit finden müßten.
Warum also sollten "männliche Menschen" das zielgerichtete Befördern eines Punktes innerhalb organisierten Raumes mit sportlicher Vehemenz auf sich nehmen? Die Antwort auf diese Frage liegt in meiner Auffassung des Fußballspiels enthalten. Ich hoffe, es stört Sie nicht, daß diese etwas philosophischer als Ihre ausfällt, obwohl (oder gerade weil?) ich kein Berufsphilosoph bin:


