DER MASKULIST
10.12.2001

Z

u Beginn des Jahres 2000 wurde eine breite Diskussion um Veränderungen in der Bundeswehr entfacht, wobei sich auch die Zukunft des Zwangsdienstes für junge Männer (Wehrpflicht) zur Debatte stellte. Es gab gute Gründe dazu! Denn unabhängig von aller Fragwürdigkeit dieses staatlichen Eingriffs in die Entscheidungsfreiheit der jungen Männer wie auch der Zweckmäßigkeit einer Wehrverpflichtung im allgemeinen gewann diese Thematik durch einen weiteren Aspekt an Aktualität.

Durch die Entscheidung nämlich des Europäischen Gerichtshofes, wonach fortan auch Frauen, die aus freiem Willen die Militärlaufbahn antreten wollten, aus Gründen der Gleichberechtigung oder Gleichbehandlung zum Militärdienst zugelassen werden sollten. Da hier das für Feministen vermeintlich hehre Ideal der Gleichberechtigung als Motiv für die entsprechenden Änderungen fungierte und Gleichberechtigung nur als gleiches Recht für beide angesprochenen Seiten verstanden werden kann, mußte unweigerlich der Gedanke einer Abschaffung des Wehrzwanges und seiner Ersatzdienste für junge Männer Teil dieser Diskussion werden. Schon verwunderlich genug, daß der Verteidigungsminister verlauten ließ, die Zulassung von Frauen, die freiwillig in die Bundeswehr einträten, würde die Wehrpflicht für Männer (in den politischen Kreisen stets der Irreführung halber "allgemeine Wehrpflicht" genannt) "nicht berühren". Angesichts eines angeblich zugrunde liegenden Gleichberechtigungsprinzips berührt die Möglichkeit eines freiwilligen Dienstes für Frauen die Wehrpflicht der Männer nicht nur, sondern kippt sie gänzlich um, oder aber die Idee von gleichen Rechten geht dabei zugrunde. Denn wer kann dann noch von "Gleichbehandlung" sprechen, wenn Männer zu dem gezwungen werden, was Frauen nur bei Neigung auswählen dürfen? Der Feminist natürlich! Denn, wie wir schon auf diesen Seiten wiederholt gesehen haben, kann er nur eine Sprache haben, wenn sie auf sehr flexible Begriffe baut.

Die fragwürdigen Bemühungen jener Zeit, die mißhandelten Begriffe von Gleichberechtigung und Gleichbehandlung mit sichtlicher Fadenscheinigkeit weiter zu gebrauchen, machten es unausweichlich, daß sich den Begriffsschändern kaum eine Alternative zu einer rigorosen Flucht nach vorn bot, bei welcher der dürftige Proviant einer verlogenen Argumentation, der auf diesem Weg mitgenommen werden konnte, den grellsten Unsinn auf die Medienleinwand malte, wann immer sich die auf Gedeih und Verderb "frauenfreundlichen" Politiker dieses Themas annahmen. Zwei Positionen sollten gewaltsam in diesem verwegenen Konzept mit der Idee einer Geschlechtergleichbehandlung übereinstimmen: Frauen sollen dürfen dürfen, Männer aber müssen weiter müssen.

Man sieht: Die Politiker dieses Landes machen es sich keineswegs leicht! Denn wahrlich, es ist schwer, eine Gleichberechtigung ohne gleiche Rechte plausibel zu machen. Dementsprechend plump auch das Erläutern der Gründe: "Kriegen Männer denn die Kinder oder Frauen?" Diese Frage problematisierte ein CDU-Politiker dem Publikum dieser unglücklichen Prosa. Und ein weiblicher Abgeordneter mahnte im Bundestag mit dem bekannten Autoritätsgebaren, welches Feministinnen als ihr nunmehr (nach all dem angeblichen Unrecht von Jahrtausenden mit Zügen nun der Entrüstung angereichertes) verbrieftes Recht ansehen, daß ja keiner auch nur auf die Idee kommen solle, an eine Wehrpflicht für Frauen zu denken! Als würde andernfalls die Über-Mama mit dem großen Suppenlöffel aus der Küche treten... Doch dies wurde nicht nötig.

Am weitaus beeindruckendsten jedoch im Gleichberechtigungsdebakel war der Einsatz der Justizministerin, denn Frau Prof. Dr. H. Däubler-Gmelin gelang es, in einen sehr kurzen Satz soviel Aussage zu investieren, daß man durchaus sagen könnte, sie habe damals mit ihrer Klatsche die allermeisten Fliegen erwischt! Sie sprach aus, daß 'Männer durch die Wehrpflicht gehindert werden sollen, damit Frauen im Leben aufholen können'! Die Behinderung der Männer wollte als Ausgleich für die Schwangerschaft der Frauen verstanden sein, denjenigen "Umstand" also, der das Prinzip des Weiblichen bei allen Säugern ausmacht und der in den Augen der Politikerin kostbare Karrierezeit kostet und sich so als Hindernis für den weiblichen Teil der Welt darstellt, wofür eben die Männer einen Ausgleich zu leisten haben.

Emanzipation also vom feinsten! Die "Frauenbewegung" hat längst ihren Platz in der Gesellschaft gefunden: Auf dem Nacken der Männer nämlich; von dort aus läßt sich ihr Geschlechterkrieg am besten führen, lassen sich "Männerdomänen" am leichtesten "erobern". Fragt sich, wie lange es noch dauern soll, bis Männer endlich realisieren, was sie da mit Einsatz und Selbstlosigkeit auf ihren Schultern befördern.

Ganz gleich nun, wie ein jeder dazu steht, daß Schwangerschaft hier in die Nähe von Invalidität gerückt wird; die Forderung der Ministerin läßt ohnehin allzu viele Fragen offen, sobald man das darin enthaltene Prinzip mit Konsequenz gedanklich weiter anwendet.

Denn sollte tatsächlich der Zustand von Schwangerschaft im Ernst als Anlaß für einen sozialen Ausgleich angesehen werden können, so ergäben sich Unterschiede auch zwischen Frauen, die mehrere Kinder geboren haben, und denen, die nur ein Kind auf die Welt brachten, und sicherlich denen, die aus Karrieregründen sogar gänzlich auf Mutterschaft verzichteten. Sollten letztere vielleicht ebenfalls zum Bund oder zu einem anderen Dienst eingezogen werden? Und sollten Männer, die ihren Frauen mehrere Schwangerschaften verursacht haben, nicht auch stärker an einem eventuellen Aufstieg gehindert werden als die, die nur einmalig der Vaterschaft schuldig geworden sind? Wäre der Wehrdienst für den jungen Mann zu umgehen, der sich keine Kinder zu zeugen verpflichtet? Dürften wir schließlich Soldaten, die ihr Leben während der Bewältigung ihrer - im Ernstfall so oft dramatischen - Aufgaben aufgeben müßten, als lebendige Opfer auf dem Altar der Frauenförderung ansehen? Und welche Möglichkeiten würden sich weiterhin ergeben, wenn wir das gleiche Prinzip als Förderungsmethode auf andere Behindertengruppen und zu fördernde Minderheiten erstrecken wollten?

Der Leser ist sicher in der Lage, die grotesken Züge, die diese Fragen aufweisen, nicht dem Verfasser dieser Zeilen zuzuschreiben, sondern den Geistern, die in diesen Widersprüchen ihre gedanklichen Konzepte gestalten. Ähnliche Fragen richtete ich an die Ministerin, als ich wenige Tage nach dem Vernehmen ihrer Äußerung (Januar 2000) im Gästebuch ihrer Homepage eine Notiz veröffentlichte. Darin stand:


Erster Text

.........,

gemäß Ihrer neuerlichen Äußerungen zur unterschiedlichen Behandlung der Geschlechter hinsichtlich des Wehrdienstes, scheint Ihnen das Frausein (Schwangerwerden) ein Hindernis im Leben zu bedeuten. Zum "Ausgleich" sollten Männer durch die Wehrpflicht auch gehindert werden. Welche umwerfende Vernunft!

Sollten vielleicht - sofern völliger "Ausgleich" noch ausbleibt - Männer mit noch weiteren Maßnahmen daran gehindert werden, Frauen im voraus zu sein? Schließlich kann eine Frau mehrmals schwanger werden, während ein Mann in aller Regel (und sehr zum Glück) nur einmal an die Waffen muß. Man könnte Männern vielleicht bei jedem weiteren Zuwachs in der Familie eine Weile zum Straßenkehren oder Ähnliches verpflichten!

Und wie wäre es, wenn wir diese hervorragende Logik auf weiteren Bevölkerungsgruppen anwenden würden? Zur Behindertenförderung z. B. könnten dann gesunde Menschen für eine Zeit mit Rollstuhl zu ihrem Arbeitsplatz fahren müssen, oder besonders Begabte - zum Ausgleich mit den Durchschnittlichen - öfters in der Schule sitzen gelassen oder für eine Weile aus der Schule verwiesen werden!

Leider gingen aber all diese Vorschläge an das eigentlich Wichtige vorbei, nämlich das gleiche Recht auf Entscheidungsfreiheit!

Daß gerade Sie als weiblicher Politiker dieses hohe Menschenrecht in einem Lebensgebiet, das in der Menschheitsgeschichte mit so viel Tragik und Leid für das andere Geschlecht verbunden ist, wie das Soldatenleben, in sexistisch orientierter Egozentrik nur dem eigenen Geschlecht zubilligen, fällt mir nicht leicht zu kommentieren, zumal Sie ein Beamter sind.

Wenig später durfte ich über die lapidare Antwort der Ministerin rätseln. Und ich könnte dies noch heute tun, wäre ich weiter darauf erpicht, im Inhalt dieser Antwort eine direkte Sinnverwandtschaft mit den durch mich initiierten Fragestellungen zu suchen.


Antwort (24. 01. 00)

Denn die zwei Sätze, die von der Ministerin kamen, hatten als alleinigen Inhalt eine etwas forcierte, wenn auch wenig originelle Ironie, ohne den geringsten Bezug auf die von mir vorgelegten Fragestellungen. Im ersten Satz erklärte sie, es sei nicht notwendig, daß eine Frau 'von irgend etwas etwas versteht, solange es so kluge, alles besser wissende Männer wie mich gibt.' Und im zweiten, daß ich 'bestimmt auch der bessere Schwangere' wäre!


Kommentar

Mag der Leser den Kommentar zu solcher Stellungnahme selbst geben. Er sollte aber nicht unterlassen, die Antwort der Ministerin als eine Antwort auf sehr konkrete Fragen zu bewerten.

Trotz der Weigerung aber, die sich in den Worten der Politikerin ausspricht, dem angesprochenen Thema Rechnung zu tragen, und trotz des völligen Ignorierens der zentralen Frage, jener nämlich nach dem gleichen Recht auf Entscheidungsfreiheit, begegnen uns hier Authentizität und eine sehr hervorstechende Charakteristik. Und in gewisser Hinsicht sogar Gründe zu einiger Hoffnung!

Wie das?

Zunächst zu Authentizität und Charakteristik: Es ist nämlich ein wirklich Gutes am Feminismus, daß er ideologisch wie verhaltensspezifisch auf sehr einfache Strukturen zu vertrauen pflegt. Ein Vertrauen, das auf dem sicheren Fundament jener Rigorosität in der Argumentation basiert, die sich stets und durch alle Sachgebiete hindurch bisher bestens bewährt hat und deren intellektueller Gehalt sich etwa mit folgenden an den jeweiligen Gegner gerichteten Worten zusammenfassen läßt: "Wenn Du Kritik übst, dann bist Du eben irrelevant, weil Feminismus, mag er machen, was er will, nicht kritisiert werden darf."

Kritiker feministischen Begehrens zu sein heißt nämlich schlicht Frauenfeind zu sein, denn Feministinnen (ausgerechnet nur diese) sind im eigenen Verständnis die Frauen schlechthin, und deswegen ist jede Kritik am Feminismus eine allgemeine Frauenfeindlichkeit, was ja dann wiederum ein und dasselbe ist, wie wenn man behauptete, daß alle Frauen dumm seien oder ähnliches. Vermutlich erschließt die Ministerin daher rein reflektorisch, daß wohl mir, dem Kritiker, auch ruhig der Vorwurf angedichtet werden könne, ich würde Frauen allgemein als dumm erachten, oder es solle irgendwie gelten, daß ich Vergleichbares getan hätte. Denn in dem, was ich der Politikerin darlegte, wie der Leser eben feststellen konnte, ist dergleichen mitnichten zu vernehmen. Der Vergleich besonders Begabter und Durchschnittlicher oder Gesunder und Behinderter mit Männern und Frauen sollte nur Parallelen bieten, die das von der Justizministerin vertretene Prinzip verdeutlichen.

Worauf nun die Reaktion der Amtsträgerin Hoffnung macht, mag sich der Leser hier fragen.

Es ist die Hoffnung, daß eine künftige Politikergeneration, die auf dem Boden eines allmählich zur Veränderung gedrängten Wählerverhaltens vor allem männlicher Wähler wachsen könnte, solche oder ähnliche Fragen in die Politikdebatte einbringen würde, die dort allerdings schlecht mit der Leichtigkeit zu umgehen wären, mit der meine unbedeutende Person hier vorliebnehmen muß. Und man stelle sich vor, eine solche Debatte wäre dann gar nicht so peinlich, wie man es sich heute vielleicht vorstellt; der Avantgardist unter den Politikern würde nicht, wie gefürchtet, in den Augen all der "Damen und Herren" seine Männlichkeit einzubüßen haben, sondern das Gegenteil wäre der Fall: Er würde (abgesehen von den paar verzogenen grünroten Mienen, die er belehrt hätte, daß die Zeit der Böse-Kinder-Spiele nun vorüber sei und die Männer im allgemeinen wieder auf dem Weg seien, ernsthaft zu werden) vor einer dankbaren Menge stehen, die nach einer langen Zeit, in welcher sie die abgedroschene 'mutige Frau' fressen mußte, nun ihre Dankbarkeit in den Gesichtern vieler Männer und Frauen dafür aufleuchten läßt, daß sie jetzt endlich auch den mutigen Mann erleben darf!

(Diese Veränderung müßte selbstverständlich stattfinden, solange Männer noch wählen dürfen, denn wer weiß, welche weiteren Männerbehinderungsmaßnahmen in den Paketen der achtundsechziger Weihnachtsfrauen noch stecken? Daß solche Veränderung aber einmal eintreten wird, kann als ziemlich sicher gelten, dies garantieren uns die maßlosen Forderungen des Feminismus, ein Verhalten, dessen Ursprünge und dessen Programm auf diesen Seiten erläutert werden.)

Ach ja, da wäre dann noch das 'Argument' mit dem 'besseren Schwangeren'. Wie kann ich nun dem Leser nur versichern, daß ich derartige Ambitionen, nämlich der 'bessere Schwangere' oder überhaupt schwanger zu sein, niemals gehegt habe? Würde er mir das glauben? Und hatte wohl mein Versuch, der Ministerin dies zu beteuern, überhaupt Sinn? Quälende Fragen!


Zweiter Text

Ich erläuterte in dieser zweiten E-Mail erneut mein Prinzip, daß die Behinderung oder besondere Inanspruchnahme einer Gruppe nicht durch die vorsätzliche Behinderung einer anderen Gruppe ausgeglichen werden sollte, sondern durch Linderung der behindernden bzw. inanspruchnehmenden Umstände. "Oder sollte man Frauen bei der Bundeswehr die Spülpflicht auferlegen, wenn sie nicht an die Front müssen?" fragte ich plakativ und schrieb weiter im Hinblick auf meinen angenommenen Schwangerschaftswunsch: "Daran, der bessere Schwangere oder überhaupt schwanger zu sein, liegt mir nichts. Allerdings habe ich auch diese Natur der Frau nicht erfunden und will deswegen etwaige Konsequenzen nicht zu tragen haben." Und etwas selbstbewußt schloß ich im letzten Satz: "Sie haben recht, wenn Sie meinen, daß ich nicht dumm bin."


Zweite Antwort (30. 01. 00)

Es wäre 'sicherlich sehr gut', fand die Ministerin in ihrer zweiten Antwort, 'jemand brächte mich dazu, über meinen letzten Satz nachzudenken'; ich würde dann nämlich feststellen, daß meine Natur 'mehr zum Nachdenken böte als das, was ich für die Natur der Frau halte'(!?) Auch sollte ich mich 'über die Probleme richtig informieren' und (jetzt kommt es schon wieder) 'nicht nur Frauen über ihre Dummheit belehren'!


Kommentar

Hochinteressant! Bitte glauben Sie nicht, lieber Leser, daß ich jetzt übertreibe oder ironisiere, wenn ich einen solchen Ausruf als ersten Kommentar zu den obigen wenigen Sätzen der Ministerin hinsetze. In einem folgenden Nachwort zu dem hier geschilderten schriftlichen Austausch werde ich die Momente erläutern, die mich zu dieser Beurteilung veranlassen. Besonders erwähnenswert ist dabei der Widerwille, den der Begriff "Natur" im Feminismus erzeugt, sobald "Natur" nicht bloß unsere vorgefundene Umwelt bedeutet - Bäume, Berge und Flüsse also - sondern auch den Menschen in bezug auf seine duale Erscheinungsform in zwei natürlichen Geschlechtern einbezieht. Doch zuvor kurz der Schluß dieser digitalen Korrespondenz mit meiner letzten E-Mail:


Dritter Text

..........,

ich habe mit keinem Wort irgendeine Bevölkerungsgruppe herabgesetzt! Den Kern meiner Erläuterungen bildet die Darstellung und Verteidigung eines Prinzips, dem gegenüber Sie jegliche Stellungnahme bisher gemieden haben. Ich denke gern über alle meine Sätze nach, allerdings will ich Ihnen versichern, daß dies vor bzw. während ihrer Formulierung geschieht. Auch bin ich über vieles informiert. Ich danke Ihnen für Ihre Anregungen.

Diesem Austausch folgte ein Nachwort

Das Nachwort zu diesem Austausch ist als eigenständiger Beitrag unter "Essays" zu finden. Titel: "Von der grundsätzlichen Inkompetenz des Feminismus und den Folgen ihrer sozialpolitischen Kompensation". Das geschlechterpolitische Gehabe um die zu dieser Zeit angesagten Hilfe für den Wiederaufbau Afghanistans bot eine gute Grundlage zur Veranschaulichung unserer Überlegungen.

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