DER MASKULIST
06.06.2012

Der Hintergrund

A

n Alice Schwarzer zu schreiben, hatte DER MASKULIST nicht vor. Jemand, der das Umdenken einer politisch festgelegten Person "die Entscheidung, an der eigenen Identität zu rühren"  nennt,1 und dies als "schmerzlich, ja schockartig" definiert, weiß, daß man die Oberfeministin so sinnvoll mit Kritik am Feminismus wird konfrontieren können wie einen islamischen Fundamentalisten mit der Zulässigkeit von Mohammed-Karikaturen. Und den bisher einsamen Vorschlag, ihr einmal die Lila Kröte zu widmen, verwarf ich seinerzeit mit der Begründung, man könne doch schlecht Kröten nach Köln tragen.

Doch in letzter Zeit wurde mir stets bewußter, daß da noch etwas an Schwarzer ist, das mir auch über ihren Feminismus hinaus schon mächtig auf den Geist geht: Schwarzers Eigenart nämlich, sich immer im Gespräch und Interview mit selbstgönnerischer Aufdringlichkeit und Ellenbogen-Bestimmtheit auf den Sitz der ethischen Instanz  zu postieren. Das ist aber weder Kröte noch Eule, dachte ich. Das ist erbeutetes Zepter auf falschem Thron, das ich der Feministin - für meine Person und öffentlich - einmal streitig gemacht haben möchte. Das wurde nun mit folgendem Text (Betreff: "Ihr Menschenbild") getan:


Das Schreiben
(06. 06. 2012)

Viel geehrte Alice Schwarzer,

in der antifeministischen Szene kursieren immer wieder anstößige Zitate aus feministischen Texten, die durch ihre Verwerflichkeit Auflehnung plausibilisieren sollen. Manche entstammen Ihnen oder Ihrem Magazin, das Deftigste aber in dieser Hinsicht haben englischsprachige Feministinnen geliefert, etwa die verstorbenen Andrea Dworkin und Valerie Solanas, letztere natürlich mit ihrem eigenwillig krankhaft angelegten SCUM-Pamphlet zur Vernichtung der Männer. Kostprobe nach dem Zufallsprinzip: "Ich möchte einen Mann zu einer blutigen Masse geprügelt sehen, mit einem hochhackigen Schuh in seinen Mund gerammt wie ein Apfel in dem Maul eines Schweins" - Dworkin.

So viel nur, denn es kommt mir hier gar nicht darauf an, Ihre Ideologie durch Anstößiges bloßstellen zu wollen, sondern auf eine Merkwürdigkeit hinzuweisen, nämlich daß mich kaum jemals eine dieser Äußerungen so sehr abgestoßen und, ja, provoziert hat, wie jene andersartigen, viel zu häufigen Phrasen in Ihren Ansprachen und Interviews, die nach Predigers Art den Menschen, das Menschliche und die Menschwerdung in Beschlag nehmen.

Das hat sicher auch damit zu tun, daß "der Mensch" als Begriff so abschließend, so ultimativ daherkommt und so nachdrücklich Hehres transportiert wie vielleicht "Europa" in der Sprache manches heutigen Politikers. Und – sehen Sie? – neulich las ich irgendwo einen einfachen Satz, der kurzweg einleuchtete. Er hieß: "Wer Europa sagt will betrügen".

Indessen glaube ich freilich nicht, daß jeder, der das Wort "Europa" benutzt, betrügen will. Auch nicht das Wort "Mensch". Was nun das erste dieser Wörter in der Sprache des Politikers betrifft, erachten es wohl viele Menschen deswegen als betrügerisch, weil mancher falsche Referent von Europa spricht, um den Nimbus des Wortes seinen Absichten anzuhängen.

Sie wiederum benutzen das Wort "Mensch", um durch diesen für Mann und Frau gleichlautenden Begriff eine Gemeinsamkeit der Geschlechter auszudrücken. Gelegentlich allerdings unterliegen Sie der Versuchung, Ihre Machtposition als selbstautorisierte Begriffsschatzmeisterin zu gebrauchen, um dem eigenen Geschlecht eine größere Portion des Menschlichen abzusichern, wie es in Redewendungen der Art: "Auch Männer sind Menschen" durchscheint, oder in solchen, die das Prinzip Frau mit dem Prinzip Mensch so bestimmend gleichsetzen, daß für den Mann kaum noch Menschlichkeit übrig bliebe. – Neulich auf Ihrem Blog etwa zum Landeswahlsieg eines weiblichen Politikers mit den Worten, dies sei ein "Sieg des Prinzips Frau, bzw. des Prinzips Mensch." 2

Andernorts auch wieder fiel Ihre Rede etwas geschlechtergerechter aus: "Die Bewegung, die wir in Gang gesetzt haben, dass die Geschlechter weniger betonen, was sie trennt und sich mehr darüber freuen, was sie gemeinsam haben, also aufeinander zugehen und sich in der menschlichen Mitte treffen, das finde ich wunderbar."3

Vor allem wunderbar einfach möchte man sagen, diese Blumigkeit, die als rhetorische Gestik an das trällernde Kind erinnert, das mit der Unbeholfenheit seiner erst mühsam zueinander findenden Händchen den Rhythmus nebenbei klatscht. Süß, die Kleine! Wie sollte das Kind auch wissen, daß im Leben alles gar nicht so einfach ist, und daß die Geschlechter sogar das trennen könnte, was sie gemeinsam haben, und das zusammenführen, was nur der andere besitzt?

Wissen hätte es allerdings die "linke Intellektuelle" können, als die Sie sich gern bezeichnen, zumal als Feministin, denn gerade "die Bewegung, die" Sie "in Gang gesetzt haben", besitzt ihren ureigenen funktionierenden Dualismus. Nur daß dieser – anders als der Geschlechterdualismus - keine natürlichen Ergänzungen beschert, sondern eine bestimmte politische Doppelbödigkeit ermöglicht. Und daß Ihre Bewegung diese braucht, um sich politisch durchzuschlängeln, macht sie gerade so bigott.

Dieser Dualismus, bestimmt durch die Begriffe Gleichheitsfeminismus und Differenzfeminismus, täuscht in diesen zugleich zwei unvereinbare Antipoden vor, die entsprechend zwei Lager suggerieren: Das Lager derjenigen Feministen, die den Frauen alles zutrauen "was Männer tun", weil die Geschlechter angeblich gleich sind, und das Lager derer, die den Frauen ersparen wollen, was Männern zugemutet wird, weil die Geschlechter eben nicht als gleich angesehen werden. - Soweit der Diskurs.

Doch in der Praxis, in der sog. Frauenpolitik, fungieren diese zwei Aspekte nicht als Pole, als unvereinbare Antipoden, sondern als Parallelen: Beide wirken gleichzeitig und keineswegs entgegengesetzt, sondern sehr brav komplementär: Nach dem Prinzip A wird die sogenannte Frauenförderung begründet und betrieben, die Frauen unter dem Motto, sie könnten "alles, was Männer können", in den Bereichen gleichstellt, in welchen Männer bislang dominierten. Nach dem Prinzip B werden die so Gleichgestellten dennoch anders behandelt, weil man ihnen weder die Leistung der Männer abverlangen noch deren Strapazen zumuten will.

Und das betrifft keineswegs nur körperliche Leistungen, wie es etwa bei Polizei und Armee der Fall ist, deren Öffnung für Frauen Militärexperten wie jeden vernünftigen Menschen von einer Pervertierung dieser Bereiche sprechen läßt, während Feministinnen einen noch höheren Frauenanteil darin fordern. (Amüsant, wie eine Polizeifrauenbeauftragte gegenüber der Presse einmal meinte, Geschlechterunterschiede gäbe es bei der Polizei "nur im Sport". Als wäre körperliche Ertüchtigung für Polizisten ein Feierabendhobby und nicht Faktor ihrer Qualifikation… Besitzen Feministinnen eigentlich die Selbstironie, um über solchen Unsinn mitzulachen?)

Auch in der Schulbildung wird unterschiedliche Behandlung praktiziert, wie das BMBF Anfang 2008 höchstselbst bekannt gab. Und in Wien startete im Frühjahr erfreulicherweise ein erster Medizinerprotest gegen die geschlechtsspezifische Auswertung von Eignungstests für das Medizinstudium an der Wiener Med-Uni zugunsten weiblicher Bewerber. Eine absurde, aber für "moderne Frauenpolitik" mittlerweile gewöhnliche Maßnahme, von der sich übrigens die Uni-Leitung durch den Protest nicht abbringen lassen will. 4

Ähnlich bizarr, wenn auch diesmal etwas morbide hinzu, mutet jene Regelung in der israelischen Armee an (um nochmals den körperlichen Bereich anzusprechen), nach welcher die modernen ferngesteuerten Waffensysteme, die Exekutionen von sicheren Operationsräumen aus ermöglichen, nur Soldatinnen zur Steuerung überlassen werden dürfen. Damit wohl diese, nachdem sich ihr Einsatz an Fronten als nur hinderlich und verheerend verlustreich erwiesen hatte, auch etwas zu töten bekommen - könnte man bös interpretieren.

Und nun komme ich dazu, meine anfängliche Thematik, das Menschenbild wieder einzublenden, um die Zweifelhaftigkeit des Ihrigen herauszuheben: Wenn ich nämlich bedenke, daß Sie einst Frauen das Eintreten in Armeen empfahlen, um sich dort "Identität" zu verschaffen, erstaune ich über die geringe Selbstreflexion, die Sie Ihrem Geschlecht zusprechen, wenn Sie ihm ausgerechnet dort, wo es sich als von Natur aus verzichtbar (wenn nicht gänzlich untauglich) erleben muß, Selbstbewußtsein angedeihen lassen wollen!

Außerdem: Wenn Frauen in einem Bereich so verzichtbar sind wie Männer in einem Kreißsaal, aber aus doktrinären Gründen mit ihnen "gleichgestellt" werden, dann müssen letztere zusätzlich zu ihrer ursprünglichen Belastung auch für die Insuffizienz der Frauen aufkommen. Dieses Mehr an Ballast, allein um Frauen die Möglichkeit einer zweifelhaften "Identität" zu gewähren, ist aber erst recht Ausbeutung.

Hier nun abgerundet: Unterschiedliche Standards erlauben Frauen Schritt mit denen zu halten, auf deren Buckel sie "Identität" bekommen sollen! Die kooperative Bilanz kann dann lauten: "Während des Libanonkrieges im Jahre 2006 fielen 130 israelische Soldaten, darunter eine Frau."5 Die Afghanistan-Toten der Bundeswehr erzählen eine ähnliche Erfolgsstory. Wie sich die ethischen Dissonanzen vergleichbarer Verhältnisse in weiteren Domänen des sozialpolitischen Handelns auswirken, soll hier nicht weiter expliziert werden.

Was aber macht bei alledem unser "Mensch"? Nun: Meiner stellt sich gegen diese konstruierten Ungereimtheiten und versucht, sie ins Bewußtsein der Gegenwart zu holen. Er läßt beiden Geschlechtern ihre Würde und fragt den Feminismus: "Ist die Emanzipation (und damit auch Würde) der Frau erst dann erreicht, wenn Frauen die Tat oder Leistung des Mannes vollbracht bzw. wiederholt haben, oder ist die Emanzipation (bzw. Würde) der Frau auch unabhängig von einer der männlichen gleichzusetzenden Leistung möglich?"6 Eine berechtigte und zentrale Frage, dürfte man meinen. Von "Maskulisten" gestellt.

Was aber schreibt über sie Ihr "Mensch" in der EMMA? "Sie tun sich leid, haben Kastrationsängste und klammern an ihren Privilegien."7 So unbesehen zur Schau gestellte Inferiorität (dazu als typisches EMMA-Statement), mutet fast wieder unschuldig an. Das ist es aber nicht.

Denn zählen wir zusammen: die Umnachtung Ihres "Menschen" in Bezug auf die eigene Identität, die bewußte Hinnahme der Ausbeutung des Anderen und seine infantile Rache an den unbequemen "Maskulisten"; das alles macht schon ein hübsches Zwischensümmchen an verfehlter "Menschlichkeit" aus.

Was käme noch hinzu? Eine eklatante Unmündigkeit, die sich einmal darin äußert, daß Ihre kleine Herde in jeglicher Lebenslage gelenkt werden muß, um nicht falsch zu leben, falsch zu lieben, falsch zu arbeiten, falsch zu empfinden, sich falsch zu kleiden und zu geben oder sich nach der Heirat den falschen Namen zu verpassen. Und freilich eignet sich zwar Ihr "Mensch" für alle Verantwortung der Welt auf quotierten Karriere-Höhen; ist aber aus ihm eine Nutte geworden, dann sind die Freier schuld. Denn die Frau ist immer das Opfer, und das Perfidere noch: Dies soll ihr zum politischen Kapital gemünzt werden.

Nein, Alice Schwarzer: Der Kretin, den Sie da vorführen, dieser selbstverlorene Rosinenpicker, der seine Würde in der Selbstviktimisierung suhlt, um sie daraus wieder als Gewinn zu heben, ist eine menschliche Schmach, eher ein Versagen der Evolution als ein Konzept zur "Menschwerdung".

Und das ist der Grund, warum es mir zwar gleichgültig ist, sogar passend erscheint, wenn dieser in seinen Magazinen und Pamphleten über Verbrechen gegen Männer frohlockt oder sinngemäß "kauft nicht bei Männern!" ruft. Wenn er aber zugleich sich rühmt, die Geschlechter zusammenzubringen, die schlimme Maskulisten anfeinden, oder uns in weihevoller Verschlagenheit den "Menschen" predigt und den Weg der "Menschwerdung" erklärt, dann vermag er Verdauungsabläufe umzukehren. Das ist, warum ich Sie bitte, von derlei Unterweisungen in Zukunft abzusehen.

Mit maskulistischen Grüßen!

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Quellen, Anmerkungen:

1. Aus dem Beitrag "Das Bekehren in Zeiten der Auflösung"
2. Alice Schwarzers Blog, "Das Erfolgsprinzip Frau"
3. tagesanzeiger.ch, 02. 04. 2012, "Frauen sollten auch mal zuerst küssen"
4. diepresse.com,  10. 05. 2012, "Med-Uni Wien: Test zum Vorteil der Frauen ausgewertet"
5. Zu finden auf wikimannia.org, "Martin van Creveld"
6. DER MASKULISTin "Die drei Hürdenläufe", August 2003
7. EMMA, Frühling 2012, "Frauenhass – Die Verschwörung der Maskulisten". Nicht online, geistert aber im Netz als PDF