DER MASKULIST
01.09.2008

Der Hintergrund

E

in gutes halbes Jahr ist es her, da veröffentlichte das Bildungsministerium eine Studie,1 die auffallend zögerlich das Licht der Öffentlichkeit erblickte: Sie kam, verschwand und kam wieder, nachdem scheinfragende Männerrechtler nach dem Grund ihres Verschwindens aus dem Online-Angebot des Bildungsministeriums fragten. Scheinfragend deswegen, weil sie den Grund kannten. In der Studie wurde nämlich erstmals von offizieller deutscher Seite die systematische Benachteiligung von männlichen Schülern im Schulalltag als Fakt eingestanden.

Da tapste es natürlich ein wenig bei der Herausgabe. Wenn auch das Ministerium von Anette Schavan andere Gründe vorgab: Änderungsgründe. Doch inhaltliche Änderungen enthielt die ein paar Wochen später, im Januar 2008, wiedererschienene Studie keine!

Ein gutes halbes Jahr ist es jetzt her; Zeit, an das Ministerium die Frage nach den Maßnahmen zu stellen, die inzwischen getroffen sein müßten, um der konstatierten Geschlechtsdiskriminierung und der daraus resultierenden Vergeudung von Kompetenzen entgegenzuwirken.


Das Schreiben

Betr.: "Bildungsmisserfolge von Jungen"

Sehr geehrte Frau Ministerin Schavan,

in der Wende 2007-2008 erschien im Auftrag Ihres Ministeriums die Studie "Bildungsmisserfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen / männlichen Jugendlichen", die Sie an gewisse Diskussionen der Vergangenheit erinnert haben dürfte. Denn sie sprach Ursachen von Mißständen an, die sich schon bei der PISA-Studie Ende 2001 aufzeigten. Damals waren Sie die 1. Vorsitzende der Kultusministerkonferenz.

In dieser Position hätten Sie als eine der ersten politisch tätigen Personen im Lande Gelegenheit, die inzwischen zum Stichwort gewordene Jungenproblematik im Bereich der schulischen Leistung anzugehen.

Ich betonte eben deswegen den Begriff der schulischen Leistung, weil, wie Sie bestimmt wissen, Jungen in Fällen außerschulischer Leistungserbringung bezüglich Wissensanwendung und kreativer Selbständigkeit immens gut, ja deutlich besser als die Mädchen abschneiden. So ist auch Fakt, daß junge Männer in der gesamten EU (und nicht nur dort), obwohl als schulische Versager etikettiert, sich ebenfalls erfolgreicher als die jungen Frauen mit innovativen Disziplinen in den Bereichen der Technik und Digitaltechnik befassen. Dieses Zukunftspotential jedoch, so das Resultat der Studie Ihres Ministeriums, wird von der gegenwärtigen Bildungspraxis eingeengt.

Schuld daran sind jungenbenachteiligende Tendenzen im schulischen Alltag, die sich lt. Ihren Erhebungen dahingehend auswirken, daß Jungen "in allen Fächern... auch bei gleichen Kompetenzen schlechtere Noten" erhalten (S. 16), und wie es an anderer Stelle heißt, auch "generell seltener eine Gymnasialempfehlung"! Erläuternd heißt es noch über sie: "... auch bei gleichen Noten werden sie seltener von den Lehrkräften für gymnasialgeeignet angesehen als Mädchen." (Ebd. S. 9). Zu alldem ergibt sich aus derselben Studie, daß auch die inhaltlichen Prioritäten in der Schulliteratur eine einseitige Präferenz von Mädcheninteressen aufweisen.

Solche systemimmanente Ausbremsung eines Potentials, dessen Leistungseffizienz als Hauptmotor des technischen Fortkommens gelten muß, ist an sich schon paradox. Hinzu kommt, daß diese Praxis jede Richtlinie gegen geschlechtsspezifische Diskriminierungen verletzt.

Als Teilnehmer an Initiativbestrebungen gegen eine immer deutlicher in das allgemeine Bewußtsein gelangende Diskriminierung von Männern und Jungen und angeregt durch die vielfältigen, auch durchaus aufwendigen Bemühungen Ihres Ministeriums im Rahmen einer angestrengten Beförderung von Frauen an imposante Stellen des Bildungsbetriebs, sehe ich mich vor die Frage gestellt: Was hat das Ministerium Schavans ein halbes Jahr nach Veröffentlichung der hier angesprochenen Studie getan, um auch gegen die Mißstände zu wirken, die lt. dieser Studie ein Hemmnis männlicher Kompetenzen darstellen?

Da diese Frage nicht nur den Aspekt der vielbeschworenen Gleichbehandlung angeht, sondern darüber hinaus auch den Umgang mit den wichtigsten Ressourcen eines Industrielandes, nämlich dem Wissen und seiner Anwendungsmöglichkeiten, ist sicher Ihnen so klar wie mir, welche eminente Bedeutung sie in Zeiten einer staatlich geforderten Gleichberechtigung bei gleichzeitig zu beklagendem Fachkräftemangel besitzt.

 

Mit freundlichen Grüßen

Veröffentlicht am 24. 07. 2008


Antwort des Ministeriums (11. 8. 2008)

Interessant in unserem Sinn wäre allein der dritte und letzte Satz aus der Antwort des Ministeriums (Frau Heide Kühn). Es ist eher der Unterhaltungswert, der die beiden vorangehenden Absätze auch lesenswert macht (Kursives in allen folgenden Texten durch mich):

.......

Im Auftrag des Bundesministerium für Bildung und Forschung erfolgte eine Auswertung der aktuellen wissenschaftlichen Literatur zu den Bildungsverläufen von Jungen/jungen Männern mit dem Ziel, Forschungslücken aufzudecken und herauszufinden, inwieweit gezielte Studien dazu beitragen können, Handlungsansätze zu entwickeln, um mehr Chancengerechtigkeit im Bildungswesen zu bewirken. Schwerpunkte dieser Literaturauswertung sind:

Bildungsbeteiligung von Jungen, ihre schulische Leistung, der Übergang von jungen Männern von der Schule in Ausbildung und Studium sowie der Zusammenhang von Jungen, Männlichkeit und Schule.

Der Genießer liest hier langsam: Dieselbe Studie, die übrigens bereits im April 2007 in einer Pressemitteilung von Ministerin Schavan als Mittel vorangekündigt wurde, um "bei den spezifischen Bildungsdefiziten von Jungen... gezielt fördern zu können", mutiert jetzt zu einem Hinhalte-Projekt mit der ausschweifend formulierten Scheinzielsetzung, "herauszufinden, inwieweit gezielte", also weitere "Studien dazu beitragen können, Handlungsansätze zu entwickeln. um mehr Chancengerechtigkeit im Bildungswesen zu bewirken."

Und ich Simpel? Anstatt durch die opulente Rasanz eines sich in die bildungsevolutionäre Unendlichkeit unendlich streckenden Bildungsstudienprojekts in Ehrfurcht zu geraten, was mache ich?

In Ihrem Schreiben beziehen Sie sich ausschließlich auf die Ergebnisse bzgl. der wissenschaftlichen Untersuchungen zu den schulischen Leistungen sowie deren Bewertung durch die Lehrkräfte.

Genau, ich beziehe mich gleich auf ein erkanntes Problem. Wie einseitig!

In diesem Zusammenhang fragen Sie nach aktuellen Aktivitäten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, die aufgezeigten Situationen, in denen Schüler anders behandelt werden als Schülerinnen, zu verbessern.

Hatte ich wohl glatt ohne die Wirtinnen gerechnet:

Nach der im Grundgesetz festgelegten Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern sind für alle Angelegenheiten, die die Schulen und Hochschulen betreffen, ausschließlich die Länder zuständig. Die Bundesregierung kann daher keine Maßnahmen initiieren, um die von Ihnen aufgeführten Situationen im schulischen Alltag zu ändern. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung kann lediglich durch Bildungsforschung unterstützen und notwendige Handlungsansätze aufzeigen.

Mit freundlichen Grüßen

.......

Antwort an das Ministerium (01. 09. 2008)

Sehr geehrte Frau Kühn, sehr geehrte Ministerin Schavan,

die von mir angesprochene Studie war mehrere Monate vor ihrem Erscheinen in einer Pressemitteilung des Bildungsministeriums mit folgenden Worten angekündigt: "In der Bildung – etwa bei den spezifischen Bildungsdefiziten von Jungen – sind Ergebnisse aus der geschlechtssensiblen Forschung nötig, um gezielt fördern zu können. Das BMBF hat hierzu eine in Kürze erscheinende Studie in Auftrag gegeben." (Pressemitteilung Nr. 079/2007.)

Bemerkenswert an dieser Mitteilung, die der Interessierte auf den Seiten Ihrer Institution auch heute als PDF-Dokument erhält, ist sicher der Titel, der sich eines Zitats Frau Schavans bedient: "Wir müssen das Potenzial der Frauen nutzen!"

Bemerkenswerter aber noch ist, daß, während sich dieser Titel, wie ich weiter unten anführe, bald darauf als Programm erweisen sollte, die Ergebnisse der Jungenstudie, die angeblich dazu dienen sollten, "gezielt fördern zu können", in den virtuellen Schubladen des Ministeriums lautlos verschwanden. (Genau so fragwürdig übrigens, wie sie schon zuvor kurzfristig aus der Homepage des BMBF verschwunden waren, was das Nachfragen einiger Männerrechtler mit sich zog.)

In derselben Pressemitteilung ließ Frau Schavan keinen Zweifel daran bestehen, daß sie sehr wohl weiß, was sie meint, wenn sie von gezielter Förderung spricht: "Schavan mahnte einen Mentalitätswechsel an", lesen wir weiter. Und: "Schavan möchte die Zahl der Frauen auf Professorenstellen erhöhen und spricht sich für ein zusätzliches Engagement der Bundesregierung aus, um dieses Ziel zu erreichen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) plant derzeit ein neues Programm, das Frauen in Wissenschaft und Forschung fördert. Dazu gehört auch ein Wettbewerb, der die besten Frauenförderprogramme der Hochschulen prämiert."

Was das von Frau Schavan initiierte "Engagement der Bundesregierung" betrifft, so wissen wir seit März dieses Jahres, daß daraus das 150 Millionen Euro teure "Professorinnen-Programm" wurde. Die Summe dient als Anreizgeld, das die Einstellung von weiblichen Professoren an Universitäten begünstigen soll. Ich möchte hier Sinn und Berechtigung solcher Aktionen, die einem das Wort "Schmiergelder" in Erwägung bringen, nicht kommentieren. Hinzufügen möchte ich aber, daß dies keineswegs das einzige Programm dieser Art ist, das vom Bildungsministerium ausging.

Wie nun, meine Damen, kann es sein, daß Frau Schavan von der zentralen Stelle ihres Ministeriums aus "ein zusätzliches Engagement der Bundesregierung" anfacht, das bis in die Länderfinanzen hinein millionenschwere Dispositionen bewirkt, um "das Potenzial der Frauen" zu nutzen, dieselbe aber, wenn es darum geht, das erwiesenermaßen übergangene Potential der Jungen bzw. Männer zu unterstützen, sich mit einem unglaubwürdigen Hinweis auf die "im Grundgesetz festgelegte Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern" abwendet? Die einzige Stelle im Grundgesetz, die hier in Betracht käme, Frau Schavan, ist jene, die Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts untersagt!

Es wäre für eine Bildungsministerin fatal, Bildungswerte den Neigungen gender-ideologischer Ambitionen zu unterwerfen. Fatal auch, den Menschen da draußen, im Land, aus welchem die Wählerstimmen kommen, die Kompetenz abzusprechen, Hintergehungen dieser Art zu erkennen und entsprechend zu bewerten.

Ministerin Schavan hat bisher in der Öffentlichkeit kein einziges Wort zu den Ergebnissen dieser Studie verlauten lassen. Wie denn gedenkt sie, "gezielt zu fördern" und "Handlungsansätze aufzeigen", wenn sie nicht einmal Willens ist, Hindernisse deutlich zu benennen?

Was geschieht heute im Bildungssystem dieses Landes? Spekulationen, wonach Frauenlobbyismus Jungen auf ihrem Bildungsweg blockiert, machen sich allmählich selbst in sonst feminismusdienlichen Medien breit. Es wäre nicht rühmlich für eine Ministerin für Bildung, sich dem Verdacht einer solchen Zugehörigkeit auszusetzen.

Mit freundlichen Grüßen

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Quellen, Anmerkungen:

1. Gemeint ist die Studie "Bildungs(miss)erfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen/männlichen Jugendlichen", erstellt vom BMBF im Jahr 2007, zu finden unter: www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf