Brief an Bildungsministerin Schavan zur eingestandenen systematischen Benachteiligung männlicher Schüler
Der Hintergrund
E
in gutes halbes Jahr ist es her, da veröffentlichte das Bildungsministerium eine Studie,1 die auffallend zögerlich das Licht der Öffentlichkeit erblickte: Sie kam, verschwand und kam wieder, nachdem scheinfragende Männerrechtler nach dem Grund ihres Verschwindens aus dem Online-Angebot des Bildungsministeriums fragten. Scheinfragend deswegen, weil sie den Grund kannten. In der Studie wurde nämlich erstmals von offizieller deutscher Seite die systematische Benachteiligung von männlichen Schülern im Schulalltag als Fakt eingestanden.
Da tapste es natürlich ein wenig bei der Herausgabe. Wenn auch das Ministerium von Anette Schavan andere Gründe vorgab: Änderungsgründe. Doch inhaltliche Änderungen enthielt die ein paar Wochen später, im Januar 2008, wiedererschienene Studie keine!
Ein gutes halbes Jahr ist es jetzt her; Zeit, an das Ministerium die Frage nach den Maßnahmen zu stellen, die inzwischen getroffen sein müßten, um der konstatierten Geschlechtsdiskriminierung und der daraus resultierenden Vergeudung von Kompetenzen entgegenzuwirken.
Das Schreiben
Betr.: "Bildungsmisserfolge von Jungen"
Sehr geehrte Frau Ministerin Schavan,
in der Wende 2007-2008 erschien im Auftrag Ihres Ministeriums die Studie "Bildungsmisserfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen / männlichen Jugendlichen", die Sie an gewisse Diskussionen der Vergangenheit erinnert haben dürfte. Denn sie sprach Ursachen von Mißständen an, die sich schon bei der PISA-Studie Ende 2001 aufzeigten. Damals waren Sie die 1. Vorsitzende der Kultusministerkonferenz.
In dieser Position hätten Sie als eine der ersten politisch tätigen Personen im Lande Gelegenheit, die inzwischen zum Stichwort gewordene Jungenproblematik im Bereich der schulischen Leistung anzugehen.
Ich betonte eben deswegen den Begriff der schulischen Leistung, weil, wie Sie bestimmt wissen, Jungen in Fällen außerschulischer Leistungserbringung bezüglich Wissensanwendung und kreativer Selbständigkeit immens gut, ja deutlich besser als die Mädchen abschneiden. So ist auch Fakt, daß junge Männer in der gesamten EU (und nicht nur dort), obwohl als schulische Versager etikettiert, sich ebenfalls erfolgreicher als die jungen Frauen mit innovativen Disziplinen in den Bereichen der Technik und Digitaltechnik befassen. Dieses Zukunftspotential jedoch, so das Resultat der Studie Ihres Ministeriums, wird von der gegenwärtigen Bildungspraxis eingeengt.
Schuld daran sind jungenbenachteiligende Tendenzen im schulischen Alltag, die sich lt. Ihren Erhebungen dahingehend auswirken, daß Jungen "in allen Fächern... auch bei gleichen Kompetenzen schlechtere Noten" erhalten (S. 16), und wie es an anderer Stelle heißt, auch "generell seltener eine Gymnasialempfehlung"! Erläuternd heißt es noch über sie: "... auch bei gleichen Noten werden sie seltener von den Lehrkräften für gymnasialgeeignet angesehen als Mädchen." (Ebd. S. 9). Zu alldem ergibt sich aus derselben Studie, daß auch die inhaltlichen Prioritäten in der Schulliteratur eine einseitige Präferenz von Mädcheninteressen aufweisen.
Solche systemimmanente Ausbremsung eines Potentials, dessen Leistungseffizienz als Hauptmotor des technischen Fortkommens gelten muß, ist an sich schon paradox. Hinzu kommt, daß diese Praxis jede Richtlinie gegen geschlechtsspezifische Diskriminierungen verletzt.
Als Teilnehmer an Initiativbestrebungen gegen eine immer deutlicher in das allgemeine Bewußtsein gelangende Diskriminierung von Männern und Jungen und angeregt durch die vielfältigen, auch durchaus aufwendigen Bemühungen Ihres Ministeriums im Rahmen einer angestrengten Beförderung von Frauen an imposante Stellen des Bildungsbetriebs, sehe ich mich vor die Frage gestellt: Was hat das Ministerium Schavans ein halbes Jahr nach Veröffentlichung der hier angesprochenen Studie getan, um auch gegen die Mißstände zu wirken, die lt. dieser Studie ein Hemmnis männlicher Kompetenzen darstellen?


