DER MASKULIST
01.02.2008

Der Hintergrund

P

rof Dr. Dr. Dr. Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen, genießt als Erziehungswissenschaftler eine bemerkenswerte Reputation mit entsprechendem Einsatzradius in ministerial initiierten Bildungs- und Erziehungsprojekten. "Führender Väterforscher im deutschen Sprachraum", Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (was immer dies dem hiesigen Leser bedeuten mag) liegt mit drin; Wassilios E. Fthenakis: ein Man-muß-ihn-kennen-Fachmann mit höchst akuter Funktion in geschlechterpolitischen Belangen.

Und so kennen auch wir ihn.

Leider jedoch assoziieren viele von uns Prof. Fthenakis mit einer gewissen Zwielichtigkeit, die sowohl die spätfeministisch genderistischen Auffassungen gelten lassen, wie auch ein Flair des progressiven Männer- und Väterrechtlers vermitteln will. Und das geht nicht! Das sollte einmal Prof. Fthenakis klargemacht werden. Vor allem sollte ihm auch vermittelt werden, daß dies von der neuen Männerbewegung, die nicht das "Patriarchat", sondern den Feminismus an den Pranger stellt, beäugt und kritisiert wird. Und er sollte auch wissen, daß es tiefergehende Gedanken sind, die unsere Kritik tragen.

Das folgende Schreiben nahm zum Anlaß ein Interview des Professors im TAGESSPIEGEL vom 25. Januar.1 Es erging als offenes Schreiben an Prof. Fthenakis und an die Zeitungsredaktion.


Das Schreiben

Sehr geehrter Herr Prof. Fthenakis!

In Ihrem Interview "Stereotype Geschlechterbilder schaden" (DER TAGESSPIEGEL, 25. Jan.) gelingt es Ihnen, acht Mal die Wörter "Konstruktion" bzw. "konstruieren" zu gebrauchen, ohne zu reflektieren, daß Sie selbst derjenige sind, der in seinen Eröffnungen Konstruktionen vorbringt! Besonders merkwürdig mutet in ähnlicher Hinsicht auch Ihr letzter Satz an, in welchem Sie der Hoffnung Ausdruck geben, "dass die Ideologien, die lange die Familienpolitik in der Bundesrepublik behindert haben, zurückgehen."

Etwas schleichend könnte dem Leser diese Zuversicht deswegen vorkommen, weil Sie sich selbst im ganzen vorangehenden Interview als vehementen Träger eben jener Ideologien zu erkennen geben! Denn bezüglich des Einflusses auf die Familien- und Bildungspolitik in den letzten nunmehr gut drei Jahrzehnten, kommen nur die vielfältigen Mutationen des Feminismus in Frage, die während derselben Zeit die genannten Gebiete heimsuchten und aus welchen auch Sie Ihre Thesen beziehen.

In der Bildung begannen diese Einflußnahmen, wie man der jüngeren Geschichte leicht entlockt, mit Mädchenfördermaßnahmen, die ursprünglich davon ausgingen, daß weibliche Schüler durch Struktur und Inhalt des Unterrichts benachteiligt wurden. Interessanterweise, und anders als allgemein durch Medien und feministisch agierende Politikerinnen ("Ich finde es nicht schlimm, daß Mädchen in Sachen Bildung an den Jungen vorbeiziehen." – Von der Leyen) verbreitet wird, versagten bis heute alle diese Maßnahmen:

So stellte im Januar 2007 eine der unzähligen und teuren Frauenfördereinrichtungen, das "Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit", fest, daß die Zahl der Studienanfängerinnen in Studienbereichen des Maschinenbaus, der Elektrotechnik und des Bauingenieurwesens bereits seit drei Jahren zurückging, im Fach Informatik sogar seit sechs Jahren. Ebenso erging es der Zahl der in der Informatik beschäftigten Frauen.2 Was hierbei dem unkundigen Blick verschlossen bleiben könnte, ist, daß die Jahre des beklagten Rückgangs exakt jene sind, in denen der Girls' Day-Aktionismus als gefeierte Globalmaßnahme jährlich zelebriert wurde!

Ähnliche Schlappe erlebten auch die seit den siebziger Jahren andauernden Versuche, jungen Frauen eine größere Präsenz in außerschulischen Wettbewerben zu verschaffen. Grotesk war, als im Sommer des vergangenen Jahres die Frauenministerin solche Mißerfolge zur selben Zeit verkünden mußte, zu welcher ein führendes Nachrichtenmagazin, das seine Sommerlöcher regelmäßig mit Frauenlobreportagen füllt, gerade die angeblichen Bildungserfolge junger Frauen bejubelte. Und grotesk ist auch, daß genau während der Jahrzehnte des hier dokumentierten feministischen Mißerfolgs die vermeintlich überholten Männer ihre kühnsten Träume verwirklichten!

Da aber der Feminismus gern den Selbstbetrug pflegt, flüchtete er schon während der neunziger Jahre verstärkt in die virtuellen Bereiche, wo er um so intensiver die "Erfolge" feiern konnte, die ihm die Wirklichkeit verweigerte. Die Werbung (es ist längst thematisiert), der Film und die Printmedien machten sich bereitwillig zur Schaubühne seiner Trugbilder, indem sie eine regelrechte Gehirnwäsche starteten, in der Ikonen erfolgreicher überlegener Weiblichkeit zum Alltagsfraß in Information und Unterhaltung wurden: "Bis hin zu der Forderung, die weibliche Hauptfigur so sehr ins Zentrum zu rücken, daß man ihr fast übermenschliche Qualitäten andichten muß", so äußerte sich einmal ein erfolgreicher Fernsehregisseur über die Auflage, die das öffentlichrechtliche Fernsehen seinen Mitarbeitern zumutet.3

Zudem erfolgten zwei weitere gesellschaftliche Dispositionen in derselben Zeit:

1. Die willkürliche evolutionäre Verleumdung des Mannes, die sich bis hin zu unverkappt rassistischen Spekulationen über das Wesen des Maskulinen ergoß ("Eine Krankheit namens Mann" – DER SPIEGEL im September 2003). Diese wurde unterstützt durch eine sich aus dem pazifistischen Element der ehemaligen alternativen Bewegungen speisende negative Moralisierung maskuliner Potentiale (Testosterondebatte), die fortan nur unter Ausschluß ihrer positiven und kreativen Aspekte und allein in ihrer Ausübung als Aggressivität angesehen wurden. Maskulines Verhalten, das selbstverständlich und ganz anders als Sie, geehrter Herr Fthenakis, behaupten, mit unterschiedlichem Bewegungs- und Raumerleben der Geschlechter vom frühesten Alter an korreliert, wurde nahezu psychiatrisiert und diente oft beeinträchtigend für die Benotung.

Eine unter deutlichen Anzeichen von Zögerlichkeit endlich im Januar zur Verfügung gestellte Studie des Bildungsministeriums belegt auch für Deutschland das, was bereits bei anderen Nationen mit gleichem Ergebnis untersucht worden war: "In allen Fächern erhalten Jungen auch bei gleichen Kompetenzen schlechtere Noten."4 Im vergangenen Jahr flog mit unmittelbar erfolgter Löschung der betroffenen Internetseite ein Versuch auf, in welchem Projekte, die vom Bundesministerium für Jugend unterstützt wurden, mit überdeutlicher Wortwahl die Zerstörung der männlichen Identität bei Jungen zum Ziele hatten.5

Übrigens konnte die Verleumdung des Männlichen wissenschaftlich nur dadurch artikulierbar werden, daß man die menschliche Evolution auf die Tierebene zurückwarf. Im einschlägigen Biologismus hört die Evolution mit dem Erreichen des zweigeschlechtlichen Zeugungsprozesses offensichtlich auf. Nur eine solche Einengung macht Äußerungen wie die Ihre möglich: "Die Männer haben... – verkürzt gesagt – biologisch nur die Aufgabe, ihre Spermien zu verbreiten."

Mit welchem wissenschaftlichen Recht unterbinden Sie hier der Biologie, auch für die Ausgestaltung jenes Gehirns zuständig zu sein, mit dem in derselben Zeit, in welcher Frauen "einzig ihren Bauch eroberten und... mit den Krücken der Quoten und teurer Eigenförderung auch einige lukrative Jobs", Männer "die Raumfahrt erprobten, die Biologie revolutionierten und den Planeten mit dem digitalen Abbild ihrer Gedanken umhüllten"?6

2. Der perfektionierte Einsatz ideologischer Instrumentarien auf allen Entscheidungsebenen der politischen Praxis, wofür jenes Projekt entstand, das durch die geringe Deutlichkeit seines genialischen Namens "Gender Mainstreaming" bekannt wurde bzw. unerkannt blieb. Und hier, hier erst, Herr Fthenakis, sind wir angehalten, von Konstruktionen zu sprechen, von den Konstruktionen allerdings, denen auch Ihre Intention zu unterliegen scheint. - Wenn Sie auch tapfer versuchen, gleich auf zwei Hochzeiten zu tanzen.

Der Feminismus wurde verstärkt der Aspekte seiner Gender-Theorie bewußt und verlagerte seine Bestrebungen auf Programme, die das bewirken sollten, was ein kluger Mensch einmal eine "politische Geschlechtsumwandlung" genannt hat.7 Diese Theorie basiert auf der These der ominösen Feministin Simon de Beauvoir, wonach ein Mensch nicht als Mann oder als Frau auf die Welt kommt, sondern erst in der Kultur (Welt) zu einer dieser "Rollen" erzogen wird. "Gender" bezieht sich ja auf das sogenannte soziale Geschlecht, welches eine mutwillige Erfindung des "Patriarchats" sein soll, um die Frau ihres Anteils an Macht und Transzendenz zu berauben.

Simon de Beauvoir unterschätzt in ihrem Standardwerk "Das andere Geschlecht – Sitten und Sexus der Frau" den Umstand, daß bereits männliche Kleinkinder sich zu einem anderen Geschlecht heranwachsen sehen, als es die Person verkörpert, der sie biologisch entstammten: die Mutter. Die Folgen solch grundsätzlichen Mißverstehens paart sich bei de Beauvoir mit der historisch materialistischen Auffassung, die sie in ihrem Buch namentlich referiert und wonach sich zwischenmenschliche Verhältnisse durch die des Eigentums konstituieren. In einen Satz gebracht, könnte es durchaus heißen: "Die Macht der Männer resultiert also nicht aus der Biologie, sondern aus den sozialen und strukturellen Bedingungen in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten." Es ist Ihr Zitat, Professor.

Und es ist falsch! Denn selbstverständlich resultiert "die Macht der Männer" auch aus der Biologie. Zu dieser Erkenntnis gereichte bereits die Vorstellung, daß ein Mann, der eine Frau der Zwangskopulation unterwirft, sie auch gegen ihren Willen schwängern könnte. Zwar wäre solches Betragen ethisch selbstverständlich widerwärtig, aber biologisch – und gerade nach Ihrer Auffassung einer in der Kopulation steckenden Biologie - schlicht möglich.

Daß nun Frauen heute über eine übertragene Macht in Politik oder anderswo verfügen können, liegt allein darin, daß die Macht der Männer in der Vergangenheit das Biologische sublimierte und Systeme etablierte, in denen das Recht biologische Macht ersetzte. Das aber gerade ist Kultur! Ist es nicht paradox, zu behaupten, daß ausgerechnet die "sozialen und strukturellen Bedingungen in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten", in der Zeit also, in der die Zivilisationen des Rechts aufkamen, ungünstiger für Frauen ausgefallen seien als die Naturhaftigkeit vorkultureller barbarischer Zeiten, in denen nur die Macht der Biologie und der Physis zählte? Und könnten Sie uns etwas Behilfliches über den Kulturstatus jener Naturvölker anführen, in welchen "nicht die Mutter, sondern der Vater die Verantwortung für die Kinder übernimmt"?

Ich mache an dieser Stelle halt, was die Kommentierung und Berichtigung weiterer Darlegungen aus Ihrem Interview betrifft. Dies auch deswegen, weil meine Zentralaussage, daß Professor Fthenakis Ideologien vertritt, während er Antiideologie predigt, mir nun genügend untermauert erscheint.

Allein zu Ihren angekündigten Projekten möchte ich noch sagen, daß sie nichts Neues bringen. Denn daß ein Individuum nicht von außen gesteuert werden, sondern seine Entwicklung selbst voranbringen sollte, daß Mädchen nicht mit rosa Kleidchen anzuziehen und Jungen ruhig auch mit Puppen zu beschenken wären, das alles ist alter Wein, der bereits in den Schläuchen der utopischen israelischen Kibbutzim und in denen antiautoritär erziehender Kinderläden der siebziger und achtziger Jahre sauer geworden ist.

Und sicher kann sich europäische Experimentierfreude auch neue Schläuche leisten.

Wann aber endlich wird man auf der vergeblichen Suche nach dem Neuen Menschen auch die Frage stellen, ob jener "versteckte Lehrplan", der "von der Gesellschaft geformt" wurde und Eltern bei der Erziehung seine Konzepte einflüstert, nicht selbst nach einem tiefer noch versteckten Lehrplan geformt wurde; von einem Lehrplan, den die Natur selbst formte und ihn der Kultur und der Gesellschaft auftrug?

Es wäre sicher interessant, einmal über den Umstand nachzusinnen, daß derselbe moderne Mensch, der seinem Kampf gegen menschliche Eingriffe in die Natur religiösen Elan verleiht, sich zugleich vehement dagegen stemmt, das Wirken der Natur in der Ausprägung desjenigen Parts seiner Konstitution zu akzeptieren, das der Natur am nächsten liegt: des Geschlechts.

Das wäre allerdings eine Meditation, keine Ideologie.


Freundlich, Ihr Landsmann

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Quellen, Anmerkungen:

1. "Stereotype Geschlechterbilder schaden", tagesspiegel.de, 25. Jan. 2008
2. "Der Nachwuchsmangel in der Informatik ist weiblich", heise.de, 17. Jan. 2007
3. DIE WELT, 2. März 2006, "Autoren werden zu Schreibknechten"
4. Studie "Bildungs(miss)erfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen/männlichen Jugendlichen", S. 16. Zu finden unter: www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf
5. "Der neue Mensch", DER SPIEGEL 1/2007
6. Michail A. Xenos, "Medusa schenkt man keine Rosen", MANUSCRIPTUM, Edition Sonderwege, Leipzig 2007, S. 241
7. Volker Zastrow, "Gender – Politische Geschlechtsumwandlung", MANUSCRIPTUM, Leipzig 2006