Brief an den Entwicklungspsychologen Wassilios E. Fthenakis
Der Hintergrund
P
rof Dr. Dr. Dr. Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen, genießt als Erziehungswissenschaftler eine bemerkenswerte Reputation mit entsprechendem Einsatzradius in ministerial initiierten Bildungs- und Erziehungsprojekten. "Führender Väterforscher im deutschen Sprachraum", Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (was immer dies dem hiesigen Leser bedeuten mag) liegt mit drin; Wassilios E. Fthenakis: ein Man-muß-ihn-kennen-Fachmann mit höchst akuter Funktion in geschlechterpolitischen Belangen.
Und so kennen auch wir ihn.
Leider jedoch assoziieren viele von uns Prof. Fthenakis mit einer gewissen Zwielichtigkeit, die sowohl die spätfeministisch genderistischen Auffassungen gelten lassen, wie auch ein Flair des progressiven Männer- und Väterrechtlers vermitteln will. Und das geht nicht! Das sollte einmal Prof. Fthenakis klargemacht werden. Vor allem sollte ihm auch vermittelt werden, daß dies von der neuen Männerbewegung, die nicht das "Patriarchat", sondern den Feminismus an den Pranger stellt, beäugt und kritisiert wird. Und er sollte auch wissen, daß es tiefergehende Gedanken sind, die unsere Kritik tragen.
Das folgende Schreiben nahm zum Anlaß ein Interview des Professors im TAGESSPIEGEL vom 25. Januar.1 Es erging als offenes Schreiben an Prof. Fthenakis und an die Zeitungsredaktion.
Das Schreiben
Sehr geehrter Herr Prof. Fthenakis!
In Ihrem Interview "Stereotype Geschlechterbilder schaden" (DER TAGESSPIEGEL, 25. Jan.) gelingt es Ihnen, acht Mal die Wörter "Konstruktion" bzw. "konstruieren" zu gebrauchen, ohne zu reflektieren, daß Sie selbst derjenige sind, der in seinen Eröffnungen Konstruktionen vorbringt! Besonders merkwürdig mutet in ähnlicher Hinsicht auch Ihr letzter Satz an, in welchem Sie der Hoffnung Ausdruck geben, "dass die Ideologien, die lange die Familienpolitik in der Bundesrepublik behindert haben, zurückgehen."
Etwas schleichend könnte dem Leser diese Zuversicht deswegen vorkommen, weil Sie sich selbst im ganzen vorangehenden Interview als vehementen Träger eben jener Ideologien zu erkennen geben! Denn bezüglich des Einflusses auf die Familien- und Bildungspolitik in den letzten nunmehr gut drei Jahrzehnten, kommen nur die vielfältigen Mutationen des Feminismus in Frage, die während derselben Zeit die genannten Gebiete heimsuchten und aus welchen auch Sie Ihre Thesen beziehen.
In der Bildung begannen diese Einflußnahmen, wie man der jüngeren Geschichte leicht entlockt, mit Mädchenfördermaßnahmen, die ursprünglich davon ausgingen, daß weibliche Schüler durch Struktur und Inhalt des Unterrichts benachteiligt wurden. Interessanterweise, und anders als allgemein durch Medien und feministisch agierende Politikerinnen ("Ich finde es nicht schlimm, daß Mädchen in Sachen Bildung an den Jungen vorbeiziehen." – Von der Leyen) verbreitet wird, versagten bis heute alle diese Maßnahmen:
So stellte im Januar 2007 eine der unzähligen und teuren Frauenfördereinrichtungen, das "Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit", fest, daß die Zahl der Studienanfängerinnen in Studienbereichen des Maschinenbaus, der Elektrotechnik und des Bauingenieurwesens bereits seit drei Jahren zurückging, im Fach Informatik sogar seit sechs Jahren. Ebenso erging es der Zahl der in der Informatik beschäftigten Frauen.2 Was hierbei dem unkundigen Blick verschlossen bleiben könnte, ist, daß die Jahre des beklagten Rückgangs exakt jene sind, in denen der Girls' Day-Aktionismus als gefeierte Globalmaßnahme jährlich zelebriert wurde!
Ähnliche Schlappe erlebten auch die seit den siebziger Jahren andauernden Versuche, jungen Frauen eine größere Präsenz in außerschulischen Wettbewerben zu verschaffen. Grotesk war, als im Sommer des vergangenen Jahres die Frauenministerin solche Mißerfolge zur selben Zeit verkünden mußte, zu welcher ein führendes Nachrichtenmagazin, das seine Sommerlöcher regelmäßig mit Frauenlobreportagen füllt, gerade die angeblichen Bildungserfolge junger Frauen bejubelte. Und grotesk ist auch, daß genau während der Jahrzehnte des hier dokumentierten feministischen Mißerfolgs die vermeintlich überholten Männer ihre kühnsten Träume verwirklichten!


