BEGRIFFE - TEIL III
Die Inflation im Denken und in der Sprache des Feministen
D
aß Sprache Macht bedeutet, ist eine richtige Erkenntnis. Das ist deswegen so, weil Sprache Ideen vermittelt, die, einmal ausgesprochen, Prozesse in der Wirklichkeit auslösen können. Damit die Sprache allerdings Veränderungen in der Wirklichkeit bewirken kann, muß diese auch von der Wirklichkeit abstammen und von ihr getragen werden können! Sie muß die zu vermittelnden Ideen in Begriffen ausdrücken, die in der Wirklichkeit verifizierbar sind, d.h. etwas darlegen, was es auch so gibt.
Möge der Ästhet es dulden, daß auf diesen gleichen Seiten, auf welchen schon recht kuriose Zitate paradierten, auch die folgenden schönen und bedeutenden Verse aus Goethes Faust angeführt werden. Und es sollte uns auch nicht abschrecken, daß es sich dabei um ein berühmtes Zitat handelt, das oftmals zum Anlaß philosophisch-metaphysischer Betrachtungen genommen worden ist; was wir ihm abgewinnen wollen, sind weniger die metaphysischen Aspekte der hier behandelten Begriffe; es kann uns auch zu einer einfachen Deutung unserer täglichen, realen Sprachhandlungen dienen. Es heißt:
Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!
Faust I, 1224-1237
In dieser virtuos geleiteten Kaskade von Bedeutungen, in welchen sich das Wesen des Wortes "Wort" in genialen begrifflichen Transformationen entfaltet, verdeutlicht der Dichter einen intimen Zusammenhang zwischen den Begriffen "Wort", "Sinn", "Kraft" und "Tat". Ein "Wort", das keine Idee vermittelt, kann nicht begriffen werden, hat keinen "Sinn", ist bloßer Laut. Dieser wird erst zu Wort durch den "Sinn", das Deuten auf etwas Gekanntes, die Bedeutung.
Aber auch ein Wort, das zwar eine Idee vermittelt (Begriff ist), aber eine, die nicht auf etwas in der gelebten Wirklichkeit Vorhandenes hinweist, kann so nicht auf die Wirklichkeit greifen, hat keine Wirksamkeit oder "Kraft". Und als solches kann es auch für sich keine Ereignisse bewirken, keine "Tat" auslösen, nicht Tatsachen schaffen.
Zugleich - um vom anderen Ende der Skala auszugehen - hat ein Begriff, der nicht auf der "Tat" oder den Tatsachen beruht, nicht also auf ein bereits Getanes oder Existierendes hinweist, weder "Kraft" (Wirksamkeit) noch "Sinn" (Bedeutung). Wir wissen, daß alle Begriffe aus der Anschauung, aus dem also, was sichtbar vorhanden ist, stammen; selbst die abstrakten Begriffe lassen sich etymologisch auf Anschauliches zurückführen. (Ausnahmen sind geometrische Begriffe, da sie unabhängig von der Anschauung im Bewußtsein entstehen können, wobei sie räumliche und / oder mathematische Verhältnisse ausdrücken.)
Dieser Abhängigkeit des Begriffs von der Wirklichkeit muß immer erst Rechnung getragen werden, bevor der Schritt getan wird, letztere durch Begriffe zu verändern. Das ist auch der Grund, warum jedes vorgeschlagene Programm oder jede formulierte Theorie zuerst hinsichtlich der Richtigkeit ihrer Beschreibung des bereits Vorhandenen geprüft werden müssen, eher ihnen die Autorisation verliehen wird, sich in der Praxis zu verwirklichen. Der Glaube, man könne, indem man die Sprache willkürlich umgestaltet, die erwünschten Veränderungen in der Wirklichkeit hervorbringen, ist purer Aberglaube und naive Kindermagie, die davon ausgeht, daß man etwas an der Ursache verändern könne, indem man an der Wirkung herumpfuscht.
Wenn die Gelehrtin Pusch meint: "Wo wir uns sprachlich ausdehnen, können Männer den Platz nicht besetzt halten", drückt sie etwas aus, was nicht entschiedener verkehrt sein kann. Richtig wäre: "Wo wir uns tatsächlich ausdehnen, können Männer die Sprache nicht besetzt halten."


