BEGRIFFE - TEIL I
Sprach-Gewalt, eine feministische Tugend
W
issen Sie eigentlich, lieber Leser, was der Unterschied zwischen "herrlich frei" und "beziehungsunfähig" ist? Nein? Also: "Herrlich frei" ist eine Frau, die allein lebt, "beziehungsunfähig" dagegen ist ein Mann, der allein lebt! Sie sollen aber noch eine Chance erhalten: Wissen Sie, was der Unterschied zwischen "positiver Diskriminierung" und "Diskriminierung" als solcher ist? Wie? Sie wissen auch das nicht? Nun: "Positive Diskriminierung" haben wir dann, wenn ein Mann auf Grund seines Geschlechts diskriminiert wird, und "Diskriminierung" als solche heißt es, wenn eine Frau auf Grund ihres Geschlechts diskriminiert wird! Aber dann wissen Sie höchstwahrscheinlich auch nicht, wie man das Internet nicht bloß benutzen, sondern es gleich erobern kann? Dann denken Sie bitte hier etwas nach... Ja, richtig: Männer "benutzen" das Internet, Frauen "erobern" es selbstverständlich gleich, selbst dann, wenn sie nicht einmal zehn Prozent der Internetbenutzer ausmachen, weil eben Frauen alles immer gleich "erobern", was Männer lediglich benutzen.
Aber vielleicht wissen Sie, was ein "Vorurteil" mit einem "Fernbild" gemeinsam hat? Nein? Fällt Ihnen auch hier nichts ein? Verständlich - das ist ja auch eine neuere Kreation. So haben Frauen, läßt uns ein Wissenschaftsmagazin anhand seiner Untersuchungen wissen, wesentlich mehr negative "Fernbilder" (Vorstellungen die ihrer Erfahrung mit den ihnen nahestehenden männlichen Personen widersprechen, also Vorurteile) von Männern, als Männer von Frauen haben. Mit dieser Umbenennung des Begriffs "Vorurteil" gelingt es dem Magazin, uns die Ergebnisse einer entsprechenden Studie zu unterbreiten, ohne in seinen Kommentaren in die peinliche Situation zu geraten, Frauen mehr Vorurteile gegen das andere Geschlecht zuschreiben zu müssen als Männern.
Denn von 'Vorurteilen der Männer' läßt es sich heutzutage prächtig reden und schreiben, aber wer will es schon wagen, den Frauen deren noch mehr zuzurechnen? Wäre es doch "frauenfeindlich" und für den Journalismus der Nach-68er (Wissenschaft hin, Wissenschaft her) schier unmöglich; zumal für ein Heft, das uns schon auf der Titelseite in die deftig-sexistische Botschaft einweiht: "Warum Frauen einfach besser sind" (ein irrtümliches "Fernbild" der Redaktion?)! Auf jeden Fall erweist es sich als ratsam, einen solch niedlichen neuen Begriff aus den Ärmeln zu schütteln, der da ein wenig aus der Verlegenheit hilft.
Doch ganz hinters Licht sollen wir deswegen auch wieder nicht geführt werden; weshalb sich wohl das wissenschaftliche Gewissen zu Beginn der Studie, einer Studie, die - wie gesagt - belegt, daß Frauen in der heutigen Zeit, also nach drei Jahrzehnten Radikalfeminismus, sich mehr Vorurteile gegen das andere Geschlecht angeeignet haben als Männer, bemüßigt sieht, uns mutig zuzusichern: "Aber auch Frauen" (wer hätte das geglaubt!) "haben ihre Vorurteile". Dezenter lautet dann allerdings das Endergebnis; es heißt: "Das Fernbild der Frauen von den Männern ist sehr viel uncharmanter: Fast alle herausragenden Konturen sind negativ."1 Nicht schlecht! Ob sich allerdings der in diesem Fall hilfreiche Begriff durchsetzen wird und wir einmal von den negativen "Fernbildern" Rechtsgesinnter gegenüber Ausländern zu sprechen haben werden, scheint eher unwahrscheinlich.
Das sind nur wenige, aus dem Medienalltag herausgegriffene Beispiele, die uns zeigen, wie gegenwärtiges Denken durch eine geeignete Auswahl von Begriffen dahin manipuliert wird, Negatives oder Unzulängliches dem Mann zuzuordnen, bei der Frau aber solches stets zu übergehen und ihr nur Positives und Kompetentes zukommen zu lassen.
Den Begriff im Griff haben, ist innigstes Anliegen jeder Ideologie, die ja ihr Wollen der Sprache aufzuzwingen trachtet. Weswegen es mit der bloß "richtigen" Begriffsauswahl noch lange nicht getan ist. Genauso wichtig ist es, die Begriffe, die nicht eigens zu diesem Zweck gebildet wurden - den Rest der Sprache also -, bei jedem Thema in semantischen Strukturen einzufangen, die - koste es (die Sprache), was es wolle - den Sinn ergeben, der die gewollte Suggestion liefert.


