Im fünften Jahrhundert wurde die
bereits gar nicht so einheitliche Gemeinschaft der Christen um eine
Symbolgestalt erweitert, deren Einzug in das Glaubensprogramm - vom
grundlegenden Schrifttum des Christentums ausgehend - nicht vorauszusehen
war. Im Konzil von Ephesos im Jahr 431 entschieden die Kirchenväter
("Patriarchen"!) für die Einführung einer (sehr) Großen
Mutter in ihrem Glaubenssystem, indem sie Maria, jener Frau, die
im mythischen Teil der Evangelien Jesus auf wundersame Weise zur
Welt brachte, zur höchsten Heiligkeit neben Gott erhoben.
Die ihr zu solcher Erhöhung gereichenden Attribute beruhten auf ihrem
Status als "Gottesgebärerin" und auf dem Dogma der "Unbefleckten
Empfängnis" und einer danach fortdauernden Jungfräulichkeit.
Maria soll nach katholischem Glauben, frei von Erbsünde, nicht nur
der Seele, sondern auch der Physis nach in den Himmel aufgestiegen
sein, wo sie seither über alle anderen Heiligen thront. Tod wie Himmelfahrt
der Jungfrau sollen nach der Legende in Ephesos stattgefunden haben,
in der Stadt also, in welcher auch das Konzil stattfand, das sie
zur "Gottesgebärerin" erhob. Warum dort?
Ephesos war während der hellenistisch-römischen
Zeit eine glanzvolle Stadt mit allen Bauten, Anlagen und Einrichtungen,
die eine solche ausmachten. Bekannt war aber die Stadt schon aus
früheren Zeiten als Kultort der Muttergöttin Artemis (Diana), deren
Heiligtum (Artemision) auf eine schon vor der Gründung der ersten
Siedlung (etwa im zehnten Jahrhundert v. Chr.) vorhandene Kultstätte
der kleinasiatischen Magna Mater (Großen Mutter) zurückgeht. Für
Christen war Ephesos außerdem bekannt, weil dort eine der ersten
Christengemeinden gegründet worden war. Daß Ephesos noch zur Zeit
der anfänglichen Ausbreitung des Christentums dem Kult der Großen
Mutter nachhing, wird aus der Darstellung der Erlebnisse des Paulus
beim Missionieren der Stadt ersichtlich: "Groß ist die Diana
der Epheser" riefen die Götzenschmiede, um die Stadtbewohner
gegen die neue Lehre einzustimmen, die Paulus brachte, und die ihre
Geschäfte mit den geschmiedeten Götzen Dianas gefährdete.1
Das Konzil von Ephesos erfand
die Verehrung Marias nicht. Es kam vielmehr einer schon bestehenden
Tendenz entgegen, die in Ephesos bereits im vierten Jahrhundert eine
Marienkirche hervorgebracht hatte. Vermutlich war der Bau einer Marienkirche
gerade in Ephesos ein Versuch, der heidnischen Artemis oder Diana
ein christliches Analogon entgegenzusetzen. Es ist aber unerläßlich
zu betonen, daß die Einführung des Marienkultes einer Mutation des
Christentums gleich war, weil sie allen Intentionen zuwider lief,
die aus dem 'kanonischen' Schrifttum der jungen Kirche zu entnehmen
waren.
In diesem tritt Maria zwar im
Empfängnis- und Geburtsszenarium auf, gerät aber schon vor dem Christuserlebnis
ihres Sohnes (Taufe im Jordan und Niederkunft des Heiligen Geistes)
ins Abseits. Sie ist bei der Hochzeit zu Kanaa, bei welcher Christus
das Debüt seiner außergewöhnlichen Auftritte gab (Verwandlung von
Wasser in Wein), mit dabei, wird aber bei dem Versuch einer Einmischung
in das Konzept ihres Sohnes mit der Frage zurechtgewiesen: "Weib,
was ist zwischen dir und mir?" (auch übersetzt: "Was geht's
dich an, Frau, was ich tue?")2 Sie
kommt auch bei den dramatischen Ereignissen der letzten Tage vor,
wo sie in Zusammenhang mit anderen Frauen erwähnt wird, die irgendwie
in die Wirksamkeit ihres Sohnes involviert waren. Nicht zu vergessen,
daß in den Evangelien auch von weiteren Kindern Marias die Rede ist,
was dem Dogma einer fortwährenden Unbeflecktheit widerspricht, da
diese weiteren "Brüder Jesu" nicht als göttliche Inkarnationen
gelten.
Die endgültige Infragestellung
Marias aber als einer Trägergestalt der damals neuen Kirche ergibt
sich sowohl aus dem inhaltlichen wie faktischen Androzentrismus in
der Theologie und in der Lebensform der Begründer des Christentums.
Der Entwurf der christlichen Trinität von "Vater", "Sohn" und "Heiligem
Geist" widersetzt sich entschieden älteren Trinitätslehren,
die das mütterliche Element mit einbezogen, und kann durchaus als
ein beabsichtigtes Aussperren des Weiblichen aus dem Kult verstanden
werden. Auch bestand die Urgemeinde aus zwölf Jüngern, allesamt männlichen
Geschlechts. Vielsagend ist zudem die gering ausfallende Erwähnung
der Person der Mutter Jesu in den grundlegenden Schriften des Christentums:
In der Apostelgeschichte wird sie lediglich als Mitglied der christlichen
Gemeinde gerade noch erwähnt; in den maßgebenden Texten der Episteln
des Paulus, des Petrus und des Johannes taucht sie kein einziges
Mal auf. Maria - wie alle Blutsverwandtschaft - wird in der neuen,
ausschließlich auf Geistesverwandtschaft hin zielenden Lehre demonstrativ
gemieden!
Es ist an dieser Stelle nicht
notwendig, uns eingehend mit den Ursachen zu befassen, die in dieser
frühen Phase der Christenheit den Kult Marias herbeiführten. Kurz
gesagt waren es die Tendenzen, welche die Begründer des Christentums
mit ihrem wohl dosierten Umgang gegenüber der Person Marias - und
dem Weiblichen im allgemeinen - auszuschließen trachteten: Das Gravitieren
ihrer Lehre in Richtung Verweltlichung und Physikalität. Die Höherbewertung
Marias wurde theologisch durch die Anerkennung der Einheit des menschlichen
und des göttlichen Wesens ihres Sohnes schon bei der Geburt begründet
("Gottesgebärerin"). Sicher aber war die Einführung des
Marienkultes vor allem ein Ergebnis der inzwischen fortgeschrittenen
Verweltlichung des Christentums. Sie kam vermutlich vom Volk, sonst
gäbe es wahrscheinlich keine Marienkirche schon vor der Resolution
des Klerus. Auch die Zeit paßte: Die Marienverehrung entstand parallel
zu jenem Avancieren des Christentums zur Staatsreligion durch die
Wirksamkeit des Kaisers Konstantin im vierten Jahrhundert. Der Marienkult
als Analogon der alten Großen Mutter band die stets emotional ausgerichteten
Massen an den "Glauben", indem er ihnen einen Einstieg
bot, der nicht allein über die befremdlichen Erfahrungen spirituellen
Grenzgängertums führte. Maria stand für die konkrete Physis, die
jeder von uns berühren kann (Körper, Materie), die liebende, leidende
Mutter, die in jedem Menschen Mitgefühl (Seele, Emotion) erzeugen,
und so jedem Menschen nahe kommen kann, ohne von ihm spirituelle
Anstrengung zu verlangen (Nicht-Geist).
Verflachung zwecks Verbreitung
war stets das Schicksal der Ausbreitung von Ideen. Es ist eine tragische
Ironie, daß just an der Stätte, an welcher einst der Kult der Großen
Mutter exerziert wurde, gegen den der mutige Paulus antrat, spätere
Kirchenführer, "Patriarchen" genannt - wie Erzbischöfe
damals hießen - ihr Ma(t)riarchat begründeten!